Das Funktionsverbgefüge im Russischen unter pragmatischer und textlinguistischer Perspektive

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Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wurden die sprachlichen Funktionen der Funktionsverbgefüge (FVG) im Russischen untersucht. Ein besonderer Schwerpunkt lag dabei auf textlinguistischen und pragmatischen Aspekten ihrer Verwendung und hierbei vor allem auf dem Phänomen der Intensivierung. Nach einer Diskussion der entsprechenden linguistischen Forschungshistorie wurden Terminologie, Definitionsansätze und verschiedene Aspekte der Betrachtung (AdB) zur Ermittlung von FVGn kritisch dargestellt. Zur Bestimmung der FVG konnten weder in den Bereichen Morphologie und Syntax noch bei Semantik und Valenz sowie der Phraseologie oder der Substitution eindeutige AdB zur Ausgliederung der FVG festgestellt werden. Aufgrund der Verortung der FVG im Grenzbereich zwischen Syntax und Phraseologie definieren wir diese als Spezialfall bzw. Subtyp der PHSn. Dabei sind die FVG in der Peripherie der Phraseoschablonen (PHSn) angeordnet und wir unterscheiden die folgenden Patterns: (1) VK + NK, (2) VK + Attribut + NK, (3) VK + Präpositionalphrase. Die FVG bewegen sich zudem auf einer Skala zwischen den Polen (1) hohe Festigkeit/hoher Idiomatisierungsgrad und (2) Produktivität/Reihenbildung. Dementsprechend kann das FVG als Konstruktionstyp der PHSn je nach Grad der Idiomatizität mehr oder weniger lexikalisiert sein. Dieser Idiomatizitätsgrad bzw. der Festigkeitsgrad lässt sich anhand der dargestellten morphologisch-syntaktischen AdB feststellen. In Bezug auf die Abgrenzung zu „verwandten“ Bereichen bildet der Pol 1 die Schnittstelle zu den Phraseologismen und Pol 2 die zu den Substantiv-Verb-Kollokationen (SVKn). Somit kann die anfangs gestellte Frage, wie sich FVG zu anderen Mehrwortlexemen verhalten, beantwortet werden. Zum Thema Grammatikalisierung (GXN) und Lexikalisierung (LXN) bei den FVGn ist festzuhalten, dass wir bei den FVGn nicht von einem GXNs-Prozess sprechen können. In einem gewissen Sinne kann jedoch u.a. wegen der Desemantisierung der VK und deren Fokus auf grammatische Funktionen innerhalb des Gesamtgefüges von einer Syntaktisierung der FVG gesprochen werden. Jedoch können FVG als LXNen bezeichnet werden. Folgende kommunikative Leistungen konnten bestimmt werden: Standpunktmarkierung, Aktantenhierarchisierung, Aktanteneinsparung sowie Vereinheitlichung von Valenz und Rektion; FVG als Passivumschreibung; FVG zur Phasencharakterisierung; Kausativierung; Präzisierung durch Quantifizierung; Präzisierung durch Attribuierung; Stilistische Differenzierung; Auffüllen von Lücken im Sprachsystem; Möglichkeiten der Synonymie und Paraphrase sowie Sprachökonomie und „Verdichtung“ von Texten. In Bezug auf mögliche Differenzen zwischen FVGn im Russischen und Deutschen konnten keine wesentlichen Unterschiede festgestellt werden. Jedoch kann vermutet werden, dass die russischen FVG allem Anschein nach weniger morphologisch-syntaktische Einschrän-kungen aufweisen und somit u.a. größtenteils attribuiert werden können. Dementsprechend scheinen sie sich mehr dem Pol 2 unserer Definition anzunähern. Da die vorliegende Arbeit nicht sprachvergleichend angelegt ist, bedarf diese Vermutung einer Überprüfung anhand einer umfangreichen Korpusanalyse des Russischen und Deutschen. Den Hauptteil der Arbeit bilden die textlinguistischen und pragmatischen Aspekte der FVG. Im Rahmen der textlinguistischen Diskussion der FVG wurden zwei Thesen aufgestellt: These 1 zur Rolle der FVG bei Textkohärenz und -kohäsion: Diese These konnte mit zahlreichen Beispielen untermauert werden. Dies liefert uns einen deutlichen Hinweis darauf, dass die These, dass FVG bei Textkohärenz und -kohäsion eine Rolle spielen können, zutrifft. These 2 zur Rolle der FVG bei der informationsstrukturellen Gliederung eines Textes: Im Rahmen der dargestellten Analyse ließen sich zahlreiche Beispiele ausmachen, die die Rolle der FVG bei der Informationsstruktur eines Textes aufzeigen. Dieser Umstand liefert einen deutlichen Hinweis darauf, dass die eingangs aufgestellte These, „FVG können Anteil an der spezifischen Gestaltung der informationsstrukturellen Gliederung eines Textes haben“, zutrifft. Es konnte nachgewiesen werden, dass FVG sowohl einen wichtigen Anteil an der Textualität eines Textes als auch bei der spezifischen Gestaltung der informationsstrukturellen Gliederung besitzen. Jedoch wurde darauf hingewiesen, dass es aufgrund des teilweisen Fehlens paralleler EVen sowie der pragmatischen Wortfolge im Russischen empirischer Studien bedarf, um die Rolle der FVG bei der Informationsstruktur zu klären. Im Rahmen der pragmatischen Diskussion der FVG wurden ebenfalls zwei Thesen aufgestellt: These 3 zur Rolle der FVG bei der Metakommunikativität: Hier konnte anhand verschiedener FVG-Beispiele gezeigt werden, dass sich FVG durch das Merkmal der Metakommunikativität auszeichnen und dass die eingangs aufgestellte These zur Metakommunikativität als Merkmal der FVG zutrifft. These 4 zur Rolle der FVG bei der Intensivierung: Hier wurde die These aufgestellt, dass FVG in Bezug auf die durch sie ausgedrückte Illokution eine illokutionsintensivierende (verstärkende oder abschwächende) Rolle einnehmen. In diesem Zusammenhang haben wir uns eingehend mit dem Phänomen der sprachlichen Intensivierung auseinandergesetzt: Intensivierung verstehen wir als funktional-semantische Kategorie der Verstärkung und der Abschwächung intensivierbarer sprachlicher Ausdrücke. Abschwächung und Verstärkung sind pragmatische Begriffe, die sich auf Wirkungen beziehen, welche durch syntaktische und semantische Mittel entstehen. Somit können FVG als semantische und syntaktische Mittel entsprechende intensivierende Wirkungen auf pragmatischer Ebene erzeugen. FVG betrachten wir als mögliches Mittel der Hervorhebung und mithin als potenzielle intensivierte sprachliche Ausdrücke (IAe). Der Vergleichspunkt des FVGs als IA ist dabei das parallele EV. Der VK und NK kommen dabei unterschiedliche Rollen zu: Die VK des FVGs kann die Rolle des Intensivierungsmittels (IMs), die NK des FVGs kann die Rolle der Intensivierungskonstituente (IK) übernehmen. Die NK ist als Nominalisierung des parallelen EVs anzusehen, so dass es über die VK intensivierbar wird, also als IK fungieren kann. Bei der Intensivierung in Bezug auf FVG unterscheiden wir zwischen zwei verschiedenen Ebenen: ‚FVG-interne Intensivierung‘ (Das FVG fungiert als IA im Vergleich zum EV) und ‚FVG-externe Intensivierung‘ (FVG beinflusst als IM seinen syntaktischen und semantischen Skopus). Das Phänomen der Intensivierung lässt sich mit dem Instrumentarium der Funktionalen Operationen (FOen) (Modifikation und Union) beschreiben. FVG können ebenfalls das semantische Merkmal der Spezifizierung aufweisen. Wir unterscheiden dabei zwischen der eigentlichen Spezifizierung, der Monosemierung bzw. Bedeutungseinschränkung und der Präzisierung durch Attribuierung. Zudem lässt sich die Spezifizierung mit der FO Modifikation veranschaulichen und sich die FO Union auf die drei Typen der Spezifizierung anwenden: Die FO Union zeigt sich in der Bildung einer neuen lexikalischen Bedeutung des FVGs aus den Komponenten VK und NK. Die Spezifizierung ist ein Phänomen semantischer und die Intensivierung ein Phänomen pragmatischer Natur und mithilfe eines FVGs kann eine Intensivierung (auf pragmatischer Ebene) kann durch eine Spezifizierung (auf semantischer Ebene) erreicht werden. Mit der Theorie der illokutionären Kräfte schlagen wir einen Erklärungsansatz für die sprachliche Intensivierung vor und sehen FVG als mögliche Ausdrucksmittel für den Durchsetzungsmodus des illokutionären Zwecks bzw. als Ausdrucksmittel für den Stärkegrad der Aufrichtigkeitsbedingung. Der Durchsetzungsmodus der illokutionären Ausgangskraft kann durch das Einsetzen eines neuen speziellen Durchsetzungsmodus eingeschränkt werden. Der Stärkegrad der Aufrichtigkeitsbedingung kann erhöht bzw. gesenkt werden, oder es besteht die Möglichkeit der Ergänzung weiterer Aufrichtigkeitsbedingungen. Zur Überprüfung unserer Hypothese von der Rolle der FVG bei der sprachlichen Intensivierung führten wir eine empirische Untersuchung mit russischen Mutter-sprachler*innen durch. Bei der Auswertung der Untersuchungsergebnisse konnten vier verschiedene Ergebniskonstellationen (EKen) festgestellt werden: • EK 1: Sechsmal (inklusive fünf Distraktoren) sowohl bei Version A als auch bei Version B absolute Mehrheit, d.h. mehr als 50 Prozent, einer Antwortoption. • EK 2: Viermal absolute Mehrheit einer Antwortoption bei Version A bzw. B und relative Mehrheit, d.h. weniger als 50 Prozent, einer Antwortoption bei Version B bzw. A. • EK 3: Neunmal unterschiedliche absolute bzw. relative Mehrheit einer Antwortoption bei Version A und B. • EK 4: Einmal unterschiedliche absolute bzw. relative Mehrheit einer Antwortoption bei Version A und B, wobei jedoch bei einer der Versionen eine weitere Antwortoption den gleichen prozentualen Anteil hat. Somit zeigen sich eindeutige Intensivierungsphänomene nur bei den Beispielen der EKen 1 und 2. Zudem fielen sämtliche Distraktoren unter EK 1, so dass wir annehmen können, dass diese von den befragten Personen gemäß unserer Intention als besonders ausgeprägte Intensivierungsphänomene erkannt wurden. Dies weist auf die Validität der Untersuchung hin, da davon auszugehen ist, dass tatsächlich die sprachliche Intensivierung gemessen wurde. Zwischen der in der Befragung ermittelten Intensität der FVG und den entsprechenden Sprechakttypen ergab sich keine Korrelation. Aus der vergleichweise seltenen Wahl von Antwortoption c wurde ersichtlich, dass die befragten Personen mehrheitlich Unterschiede bei der Intensivierung zwischen FVG und EVen feststellten. Relativ oft kam es dagegen zu nahezu ausgeglichenen Ergebnissen der unterschiedlichen Antwortoptionen. Daraus können wir schließen, dass die Unterschiede in der Intensität zwischen FVG und EV bei zahlreichen Beispielen nicht sonderlich ausgeprägt zu sein scheinen. Im Rahmen einer Frequenzanalyse wurde folgende Hypothese überprüft: Je höherfrequentiger das FVG in Bezug auf das parallele EV, desto ausgeglichener sind die Intensivierungsunterschiede. Aus den Ergebnissen der Analyse ließ sich jedoch schließen, dass die aufgestellte Hypothese zutrifft. Bestenfalls ließ sich eine gewisse entsprechende Tendenz feststellen. Die fünf Beispiele aus EK 1 und EK 2 wurden genauer diskutiert: In vier Fällen wurde das FVG (Beispiele 9, 15, 16, 19) und in einem Fall das EV (Beispiel 3) als intensiver bewertet. In Bezug auf den Bereich der durch die FVG geleisteten semantischen Spezifizierung konnte für die Beispiele aus EK 1 und EK 2 festgestellt werden, dass bei mehr als der Hälfte der diskutierten Beispiele keine Monosemierung des EVs stattfindet, dass bei beinahe allen diskutierten Beispielen keine Monosemierung der NK auftritt, bei allen diskutierten Beispielen die VK bei ihrer Realisierung im FVG monosemiert wird und dass es sich bei allen diskutierten Beispielen um eigentliche Spezifizierungen handelt. Diese bieten einen Erklärungsansatz für die festgestellte Intensivierung. Für die Begründung der Intensitätsunterschiede konnte sechsmal Operation 1, also der Durchsetzungsmodus, herangezogen werden und die Aufrichtigkeitsbedingungen insgesamt dreimal, d.h. genauer zweimal Operation 2 und einmal Operation 3. Der Durchsetzungsmodus spielt in jedem der Beispiele eine Rolle, und abgesehen von einem Beispiel, kommen in allen anderen Fällen jeweils zwei Operationen zum Tragen. Als These kann zudem aufgrund des administrativen bzw. bürokratischen Charakters der FVG in zahlreichen Kontexten ein genereller den FVGn innewohnender (nicht-modaler) Durchsetzungsmodus angenommen werden. Hieraus können wir schlussfolgern, dass die Intensivierungsunterschiede so gut wie immer auf mehrere Operationen zurückzuführen sind und somit nur multikausal erklärbar sind. Wir werten die Intensivierung eines sprachlichen Merkmals aus dem Ausgangsausdruck generell als FO Modifikation. Zudem kann bei den FVGn aufgrund ihrer Komposition aus zwei Bestandteilen mit Einschränkungen auch von der FO Union gesprochen werden. Bei den Antworten zeigte sich unter den befragten Personen jedoch eine relative Uneinigkeit, d.h., es gab nur bei wenigen Antwortoptionen absolute Mehrheiten, und in fast allen Beispielsätzen wurden alle drei Antwortoptionen genutzt. Zudem kann lediglich bei maximal einem Drittel der „eigentlichen“ Beispielsätze, von ausgeprägteren Intensitätsunterschieden zwischen FVGn und EVen gesprochen werden. Dagegen sind bei zwei Drittel der Beispiele (EK 3 und 4) keine Intensitätsunterschiede zwischen FVG und EV erkennbar. Damit konnten empirische Belege für die Richtigkeit der Hypothese von der illokutionsintensivierenden Rolle der FVG gefunden werden. Einschränkend ist jedoch festzuhalten, dass aufgrund der dargestellten Ergebnisse, die Intensivierung bei den FVGn kein durchgängig vorkommendes Phänomen ist. Eine weiterführende Untersuchung der textlinguistisch und pragmatisch relevanten Funktionen der FVG, v.a. gestützt auf umfangreichere Korpora und empirische Untersuchungen, muss weiterhin als offenes Forschungsdesiderat gelten. Die eingangs gestellte Frage, ob es Sinn macht, FVG als Kategorie anzusetzen, kann mit „ja“ beantwortet werden. Denn, wenn *ein/e Sprecher*in ein Verb als Substantiv verwenden möchte, braucht *sie/er ein FVG. Besonders wichtig ist dies für die Rechtssprache. Zwar sind FVG als Subtyp bzw. Spezialfall der PHSn einzuordnen, jedoch macht dies vor dem Hintergrund Sinn, dass diese Substantiv-Verb-Verbindungen die dargestellten kommunikativen, textlinguistischen und pragmatischen Funktionen übernehmen und gegenüber korrespondierenden EVen eine spezielle Rolle, nämlich eine illokutionsintensivierende, einnehmen können.

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