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Authors: Miriam, Braun
Title: Im Stundenglas. Perspektiven, Bilanzierungen und biographische Narrationen von Menschen am Lebensende
Online publication date: 10-Aug-2022
Language: german
Abstract: Seit der Entstehung der Idee einer göttlichen Bilanz und damit der Vorstellung eines individuellen Seelenheils im12. Jahrhundert ist der Rückblick auf das eigene Leben mit dem Lebensende insofern verknüpft, als durch die letzte Rückschau das eigene Leben abgeschlossen und die eigenen Sünden bereinigt werden sollen. Die Formen der Rückschau befinden sich – bis in ihre aktuelle Verlagerung in die digitale Sphäre – in einem steten Wandel, der durch Individualisierungs-, Säkularisierungs- und Pluralisierungsprozesse geprägt ist. Insbesondere vor dem Hintergrund dieser historischen Entwicklungen stellt sich die Frage, inwiefern heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, die Biografie unter dem Eindruck der eigenen Endlichkeit konstruiert, bewertet und ggf. abgeschlossen wird. Die Arbeit beschäftigt sich somit mit der Frage, wie Menschen an ihrem Lebensende ihre Lebensgeschichte konstruieren und erzählen, welche Muster und Genres die Erzählung aufweist und welche Funktionen sie verfolgt. Damit leistet die Studie einen Beitrag zum Füllen der Lücke zwischen zwei kulturanthropologischen Forschungsfeldern: der Erzähl- bzw. Biografieforschung und der Thanatologie. Die Biografieforschung geht davon aus, dass lebensgeschichtliche Darstellungen stets aus der Perspektive der Gegenwart heraus konstruiert werden und eine Zukunftsdimension aufweisen. Vor diesem Hintergrund beleuchtet die vorliegende Arbeit einen Grenzfall biografischer Erzählungen und fragt, wie die Situation des Lebensendes die lebensgeschichtliche Erzählung prägt und wie vor dem Hintergrund der eigenen, absehbaren Endlichkeit Zukunft konstruiert wird. Die Arbeit verfolgt einen empirischen Ansatz und nutzt biografisch-narrative Interviews mit lebenslimitierend erkrankten Menschen als zentrale Methode der Datengewinnung. Diese wird durch Daten aus einer einjährigen teilnehmenden Beobachtung in einem stationären Hospiz wie auch einem ambulanten Hospizdienst im Rhein-Main-Gebiet sowie einer ethnopsychoanalytischen Feldforschungssupervision trianguliert. Aus methodisch-theoretischer Perspektive werden zunächst Definitionen des Sterbens diskutiert. Ethische Forschungsleitlinien werden unter besonderer Berücksichtigung der Vulnerabilität der Beforschten einer Reflexion unterzogen, die sich aus dem empirischen Material ergibt. In dem Zusammenhang werden das Verhältnis von Nähe und Distanz zu Forschungspartner*innen und -themen sowie die Forscherinnenrolle und damit einhergehend fehlende Handlungsorientierungen im Feld des orchestrierten Sterbens besprochen. Der methodische Teil der Arbeit bietet Ansatzpunkte für einen forschungspraktischen Umgang mit vulnerablen, bisweilen marginalisierten Themen und Personen. Der Hauptteil der Arbeit stützt sich auf die Analyse von insgesamt zwölf Interviews mit lebenslimitierend erkrankten Menschen zwischen 52 und 87 Jahren. Die Arbeit verfolgt die These, dass die biografische Erzählung am Lebensende in Form einer geschlossenen Tragödie erzählt wird, die Selbstdarstellung, Narrationslinie und Wendepunkte bestimmt und es den Erzählenden darüber hinaus erlaubt, in der Struktur der Erzählung eine Zukunft anzulegen, die von ihnen selbst nicht erzählt werden kann. An der Struktur des sogenannten Regeldramas orientiert sich der Aufbau des Hauptteils der Arbeit, der sich exemplarisch auf drei der erhobenen Erzählungen konzentriert. Aus den Erzählungen der Menschen an ihrem Lebensende werden zum einen christliche Deutungslinien herausgearbeitet. Zum anderen findet sich eine Orientierung der lebensgeschichtlichen Narration am institutionalisierten Lebenslauf, der in den biografischen Konstruktionen als Versprechen eines guten Lebens fungiert, jedoch immer ein unerreichtes Idealbild bleiben muss. Die Biografieerzählungen der Befragten zeigen sich als zweigeteilt, wobei die beiden Erzählteile durch ein erzähltes Ritual verknüpft werden. Das Ritual wird als Form des Sprachhandelns gedeutet, das es den Erzählenden erlaubt, sich narrativ und in Folge auch bewusstseinsmäßig aus der Welt der (Noch-)Weiterlebenden ausgliedern. Damit zeigt sich der Erzählprozess als säkularisierter, individualisier Übergang vom Status der (Noch-)Weiterlebenden zur*m Sterbenden. Die beiden Erzählteile zeigen sich darüber hinaus als Spiegelungen zueinander, indem im zweiten Erzählteil bereits etablierte Erzählmuster, Themen und Motive erneut aufgegriffen werden. Die Sterbeerfahrung erscheint somit strukturgleich zu bereits Erlebtem und Überwundenen, womit die Hoffnung eines guten Endes – parallel zur bereits gemachten Erfahrung –, in die Erzählung eingeschrieben wird. Die Situation des Lebensendes selbst wird als Wartehandlung verstanden, in der eine Zeitdehnung bei gleichzeitiger Sinnentleerung von Alltagshandlungen stattfindet. Vor diesem Hintergrund zeigt sich das Interview als Möglichkeit der Sinnstiftung, der Bewusstwerdung der eigenen Biografie sowie der Konservierung und Verbreitung der eigenen Lebensgeschichte und somit des erzählenden Selbst in Form eines überindividuellen Gedächtnisses. Die vorliegende Arbeit leistet damit insofern einen Beitrag zur kulturanthropologischen Biografieforschung, als sie zeigt, wie sich grundlegende Formen der Konstruktion von Lebensgeschichten im Angesicht der eigenen Endlichkeit verformen und situativ anpassen. Gleichzeitig zeigt sich in der Narrationslinie – der aufsteigenden ersten, der im Abstieg begriffenen zweiten Lebenshälfte und der Wendepunkt – nicht nur, dass auch weit verbreitete literarische Genres wie die Tragödie Eingang in das alltägliche Erzählen finden, sondern wirft auch einen Blick auf weiterführende Fragen wie der danach, wie Leiblichkeit in lebensgeschichtliche Erzählungen eingeschrieben werden kann. Die thanatologische Perspektive wird darüber hinaus durch die bisher noch wenig beleuchtete Perspektive der sterbenden Subjekte selbst ergänzt. Insgesamt knüpft die Arbeit somit an zentrale kulturwissenschaftliche Forschungsfelder wie Ritualität, Zeit, Krank- bzw. Gesundheit sowie Gedächtnis und Erinnerung an.
DDC: 000 Allgemeines
000 Generalities
100 Philosophie
100 Philosophy
230 Theologie
230 Christian theology
610 Medizin
610 Medical sciences
920 Biografie
920 Biography
Institution: Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Department: FB 05 Philosophie und Philologie
Place: Mainz
ROR: https://ror.org/023b0x485
DOI: http://doi.org/10.25358/openscience-7461
URN: urn:nbn:de:hebis:77-openscience-2a3bb826-c416-47de-a3af-c1091169dae53
Version: Original work
Publication type: Dissertation
License: In Copyright
Information on rights of use: http://rightsstatements.org/vocab/InC/1.0/
Extent: 418 Seiten
Appears in collections:JGU-Publikationen

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