Psychische Diagnosen in der präklinischen Notfallversorgung und soziodemographische Merkmale des Einsatzortes auf Stadtbezirksebene
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Die vorliegende retrospektive Querschnittstudie untersucht die Inanspruchnahme präklinischer Notfallversorgung durch Patienten und Patientinnen mit psychischen Symptomen in der Stadt Dresden im Jahr 2021. Ziel ist die Analyse der Prävalenz psychischer Symptome in der präklinischen Notfallversorgung und der Charakteristika dieser Patientengruppe sowie des Zusammenhangs von Deprivation im Stadtbezirk, der Einschätzung des eigenen Gesundheitszustandes und der Einsatzhäufigkeit aufgrund oder begleitet von psychiatrischen Diagnosen. Dazu wurden alle Rettungsdiensteinsätze des bodengebundenen Notarzt- und Rettungsdienstes, die in der Integrierten Regionalleitstelle Dresden im Zeitraum vom 01.01.2021 bis 31.12.2021 disponiert wurden, deskriptiv und analytisch ausgewertet. Neben den klinischen Parametern und demographischen Daten der Patienten wurden auch soziodemographische Merkmale des Einsatzortes auf Stadtbezirksebene, die Arbeitslosenquote, das Haushaltsnettoäquivalenzeinkommen und der Anteil an Einpersonenhaushalten sowie die persönliche Einschätzung der eigenen seelischen Gesundheit und des Wohlbefindens insgesamt in die Untersuchung mit einbezogen.
Grundlage der theoretischen Rahmung bildet das Behavioral Model of Health Services Use von Ronald M. Andersen, welches die Inanspruchnahme gesundheitsbezogener Leistungen durch prädisponierende Merkmale, ermöglichende Ressourcen und Bedarfsfaktoren erklärt. Im Rahmen der Anwendung von Andersens Modell werden Alter, Geschlecht und Haushaltsgröße als prädisponierende Merkmale, das Haushaltsnettoäquivalenzeinkommen und die Bewertung der medizinischen Versorgung als ermöglichende Ressourcen sowie die Selbsteinschätzung der psychischen Gesundheit und des allgemeinen Wohlbefindens als Bedarfsfaktoren betrachtet.
Insgesamt wurden 68.345 Einsatzprotokolle ausgewertet. Hierbei handelte es sich bei 6,4% der Einsätze um Notfallereignisse aufgrund oder unter Beteiligung von psychiatrischen Diagnosen (ICD-10 F00-F99). Dabei waren Patient:innen mit F-Diagnosen tendenziell jünger und häufiger männlich im Vergleich zu Patient:innen ohne psychische Verdachtsdiagnose. Besonders in Stadtteilen mit einem hohen Anteil an Einpersonenhaushalten war die Rate an Notfalleinsätzen mit psychiatrischer Kodierung erhöht. Ein direkter Zusammenhang zwischen der subjektiven Einschätzung der eigenen psychischen Gesundheit und der Häufigkeit solcher Einsätze ließ sich hingegen nicht feststellen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die in diesem Fall als prädisponierende Faktoren betrachteten Merkmale Alter, Geschlecht sowie Merkmale der sozialen Struktur (Haushaltsgröße) mit einer erhöhten Inanspruchnahme des Rettungsdienstes aufgrund oder unter Beteiligung psychiatrischer Diagnosen assoziiert sind. Die Studie unterstreicht die Relevanz niedrigschwelliger, gemeindenaher Versorgungsstrukturen für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Zukünftige Untersuchungen sollten unter anderem klären, ob durch frühzeitige ambulante Interventionen stationäre Aufnahmen hätten vermieden werden können. Darüber hinaus wäre eine Erweiterung der Analyse auf unter 18-jährige Patient:innen sinnvoll, um die Versorgungssituation dieser Altersgruppe besser zu erfassen.
