Neuroborreliose: Retro-und prospektive Datenerhebung mit Schwerpunkt auf Symptomatik, Liquordiagnostik und klinischem Verlauf
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Für die vorliegende Arbeit wurden Daten von 46 PatientInnen mit gesicherter NB aus der Universitätsmedizin Mainz (retro-und prospektive Erhebung im Zeitraum 2006-2021) ausgewertet und in Relation gesetzt zu weiteren 132 Fällen aus Göttingen (retrospektive Erhebung 2005-2015), die im Rahmen einer anderen Doktorarbeit erhoben wurden. Ziel war es, zunächst das Spektrum klinischer Symptome bei gesicherter NB und der erhobenen Liquorparameter darzustellen, um anschließend den Schweregrad der klinischen Symptome anhand eines Scores bei Aufnahme und nach 3, 6 und 12 Monaten zu ermitteln.
Eine HN-Beteiligung bestand in Mainz in 65% der Fälle (Göttingen 56%, insgesamt 58%), hierbei handelte es sich zusammengenommen in 87% um den N. facialis (Mainz 73%, Göttingen 92% aller HN-Ausfälle). Nimmt man alle Schmerzsymptome zusammen, stellen Schmerzen allgemein das häufigste Symptom dar (Mainz 76%, Göttingen 67%, insgesamt 70%), unter radikulären Schmerzen litten insgesamt 49 % aller PatientInnen (Mainz 65%, Göttingen 43%; hiervon am häufigsten multifokal und lumbal), Kopfschmerzen lagen in 34 % aller Fälle vor (Mainz 28%, Göttingen 36%). Ein Meningismus lag hingegen lediglich in 5% der Fälle vor (Mainz: 2%; Göttingen: 6%).
In 13 % aller Fälle (Mainz 24%, Göttingen 10%) kam es neben sensiblen zusätzlich zu motorischen Symptomen der Radikulopathie mit Paresen, auch hier war die lumbale Lokalisation häufig.
ZNS-assoziierte Symptome traten in 20 % aller Fälle (Mainz 22%, Göttingen 20%) auf und umfassten ein breites Spektrum (Angabe in absteigender Häufigkeit, jeweils Anteil am Gesamtkollektiv; Anteil an Fällen mit ZNS-Beteiligung): Ataxie (4,5 % ; 22 %), Epileptische Anfälle, qualitative Bewusstseinsstörung (beide jeweils 3,4 % ; 17 %), Aphasie (2,8 % ; 14 %), Dysphagie/Dysarthrie, Blasen-/Mastdarmstörung, Paresen (alle jeweils 2,2 % ; 11 %), nicht näher klassifizierte Bewusstseinsstörung (1,7 % ; 8 %), quantitative Bewusstseinsstörung und Sensibilitätsstörung (beide jeweils 0,5 % ; 3 %). Zudem wurden weitere Diagnosen beschrieben wie TIA oder Pseudotumor cerebri, weiterhin neuropsychologische Symptome wie Konzentrations-und Gedächtnisstörungen oder Halluzinationen.
Ein Zeckenstich war lediglich in 43% aller Fälle erinnerlich (Mainz:39%; Göttingen:45%), ein Erythema migrans sogar nur in 24% (Mainz: 26%; Göttingen: 23%)
Die Zellzahl im Liquor bei Aufnahme lag im Median bei 151/µl (5-3409; Mainz: 233/µl, Göttin-gen:141/µl). Der borrelienspezifische AI war in 177 der 178 Fälle für IgG und/oder IgM pathologisch, davon häufiger für IgG (insgesamt: 173/178; Mainz: 45/46; Göttingen:128/132) als für IgM (insgesamt:115/178; Mainz: 30/46; Göttingen: 85/132). In lediglich einem Fall einer Göttinger Patientin war die Borrelien-PCR im Liquor positiv und sicherte somit die Diagnose bei zugleich unauffälli-gen borrelienspezifischen AIs.
In 55 Fällen (Mainz: 20; Göttingen:35) erfolgte eine Verlaufs-LP im zeitlichen Abstand zwischen 3 Tagen und 10 Jahren. Hierbei zeigte sich insbesondere im Abstand von mindestens einem Jahr häufig eine Normalisierung der Zellzahl und des AI für IgM sowie eine Normalisierung der Schrankenfunktion der Blut-Liquor-Schranke, während der AI für IgG auch im zeitlichen Abstand regelhaft erhöht blieb.
Zur Darstellung der Schwere klinischer Symptome wurde ein vorhandener Score aus einer Arbeit von Ljøstad et al. leicht modifiziert und für alle Mainzer und Göttinger PatientInnen retrospektiv bei Erstvorstellung sowie für jede dokumentierte Verlaufskontrolle erhoben. Die Scorewerte bei Erstvorstellung lagen zwischen 2 und maximal 20 Punkten bei einem theoretisch maximal erreichbaren Wert von 64. Eine Darstellung der Scorewerte nach Alter zeigt niedrigere Werte für junge Altersgruppen (Mittelwert 4,4 für PatientInnen <18 Jahre; Mittelwert 11 in der Gruppe >80 Jahre). In 74 Fällen konnte nach der Erstvorstellung mindestens ein weiterer Score erhoben werden, davon erreichte der Score in 47 Fällen den Wert 0, was einer vollständigen Genesung entspricht. Für die 27 Fälle, in denen bei der zuletzt dokumentierten Verlaufskontrolle noch ein Scorewert ≥ 1 erhoben wurde, wurden die noch bestehenden Beschwerden dargestellt. Es handelt sich im Großteil der Fälle um residuelle Symptome, einige subjektive Beschwerden wie Müdigkeit und mangelnde Belastbarkeit könnten dem Bereich der PTLDS-artigen Beschwerden zugeordnet werden. Auch wenn sich anhand der hier ausgewerteten Daten kein statistisch signifikanter Zusammenhang belegen lässt, ergeben sich auch hier Hinweise darauf, dass die Faktoren „verzögerter Therapiebeginn“ sowie „mehrere Symptome und Auffälligkeiten vor Therapiebeginn“ Risikofaktoren für ein vergleichsweise schlechteres Outcome darstellen, wie es bereits in der Literatur beschrieben ist.
Der in dieser Arbeit angewendete Score kann die Entwicklung von Anzahl und/oder Schwere von Symptomen bezogen auf einzelne PatientInnen im zeitlichen Verlauf darstellen und somit Symptomfreiheit oder Persistenz von Beschwerden sichtbar machen. Einschränkungen in der Anwendung des Scores sind unter anderem durch fehlende Patientendaten zu Symptomen sowie uneindeutige Definitionen bedingt, hier besteht ein Optimierungspotential für künftige Untersuchun-gen.
Die Arbeit setzt sich kritisch mit den Begriffen „späte“ und „chronische“ NB auseinander und plädiert für die Notwendigkeit einer einheitlich verwendeten Terminologie, um Forschungsergebnisse besser vergleichbar zu machen, Klarheit in die anhaltende Debatte um den Begriff der „chronischen NB“ zu bringen und vermeintlich Betroffenen adäquate Therapieoptionen aufzeigen zu können.
