Gestaltformsuchende Behauptung des Selbst - Empirische Vergleichsstudie zum Prozesscharakter des modernen Selbst im Zeichen gesellschaftlicher Umbrüche, von Akkulturation und individueller Verselbstständigung

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Im Rahmen dieses Promotionsvorhabens wurden zwischen 1990 und 1996 in einer narrativ ausgerichteten Intervallbefragung 43 Studierende aus der ehemaligen DDR interviewt, die zwischen 1989 und 1993 unter unterschiedlichen Bedingungen nach Westdeutschland übersiedelten und an der Uni-versität Oldenburg ein Studium begannen oder fortsetzten. Nach den Untersuchungsprinzipien der Grounded Theory wurden aus dem Untersuchungs-sample 10 Eckfälle ausgewählt und ausführlich rekonstruiert. In Form eines ausführlichen kontrastierenden Fallvergleichs wurden diese Eckfälle mit den anderen Eckfällen in Beziehung gesetzt. Über ein komplexes paradigmatisches Modell („ARENA-Modell“) wurden die vielfältigen unterschiedlichen Formen der Krisenbewältigung, Identitäts-behauptung und Persönlichkeitsentwicklung im Sinne des Konzepts der „transitorischen Identität“ (Straub, Renn) detailliert herausgearbeitet, um die Dynamik und den Facettenreichtum der unterschiedlichen Lebensverläufe möglichst präzise zu erfassen. In diesem Kontext wurde auch analysiert, welche zentralen Ressourcen und Hypotheken lebensgeschichtlich akkumuliert wurden und wie diese die volitionalen Selbstbehauptungspotentiale, das Balancierungsvermögen und die Resilienz der Akteure gestärkt bzw. geschwächt haben. Im Fokus dieser Vergleichsstudie standen folgende Frage-stellungen: Wie gelang es den Befragten, vor dem Hintergrund ihrer jeweils spezifischen DDR-Sozialisation und angesichts widriger Umstände, ihre Identität und Lebenspläne in einer neuen Lebenswelt zu behaupten, persönliche Krisen erfolgreich zu meistern, und welche Neuorientierungs- und Transformationsprozesse lösten diese Ereignisse im Wollen, Denken, Handeln, sozialen Interagieren und Fühlen der Betroffenen aus? Des Weiteren wurde in den Fallrekonstruktionen untersucht, wie intrapsychische Persönlichkeitskonflikte und innere Selbstspannungen mit den interpersonalen Umweltfaktoren interagierten und welche konfligierenden Strukturen, Passungs- und Nichtpassungsverhältnisse, Fall- und Steigkurven sich in diesem Prozess herausbildeten, die die Lebensführung der Befragten destabilisierten oder emergente Lern- und Bildungsprozesse auslösten. In diesem Zusammenhang ist es von zentraler Bedeutung, inwieweit die Handelnden ein durchgehendes, überdauerndes und dennoch dynamisches Gefühl des Vertrauens und der Zuversicht (im Sinne von Antonovsky) aufbauen konnten. Über die gewonnenen Schlüsselkategorien „Selbstbehauptung“ und „Persönlichkeitsbalancen“ konnte aufgezeigt werden, in welcher Weise die Erfahrungen des sozialen Umbruchs und die Konfrontation mit einer neuen Lebenswelt die volitionale Gestaltungskraft und das Bewältigungs- und Balancierungsvermögen der Betroffenen beeinflusst haben und eine gesteigerte Transformationsdynamik evozierten, die unterschiedliche Such-, Lern- und Neuorientierungsprozesse generierten. Im Rahmen dieser Prozesse wurden auch Elemente der sozialistischen Metaerzählung revitalisiert. In allen Eckfällen wurde deutlich, wie entscheidend die familiären Sozialisationsbedingungen im Herkunftsmilieu den weiteren Entwicklungsprozess beeinflussen und die Ausbildung von persönlichen Ressourcen und Selbstbehauptungspotentialen behindern oder befördern. Auffällig ist auch, wie stark tiefgreifende innerfamiliäre Konflikte im weiteren lebensgeschichtlichen Entwicklungslauf periodisch immer wieder aktualisiert und revitalisiert werden. Die jeweiligen innerfamiliären Bindungs- und Beziehungsstrukturen wirken so als stark prägende positive oder negative Sozialisationsfaktoren, die als mächtige Erlebnisschicht der Kindheit in einer weichenstellenden Weise die weiteren Prozesse der Persönlichkeitsentwicklung und der Ablösung vom familiären Herkunftsmilieu erschweren oder fördern. Viele Befragte waren in der DDR-Gesellschaft fest in sozial hochintegrierte Lebens- und kohäsive Arbeitszusammenhänge eingebunden, die die Ausbildung einer Wir-Schicht förderten. Vor diesem Hintergrund erlebten die Befragten ihre erste Zeit in Westdeutschland – trotz eines hohen Involve-ments in die Aufnahmegesellschaft – vielfach als „sozialen Wärmeverlust“ und als eine „soziale Entbettung“. In Reaktion auf die vorgeschriebenen Loyalitätsverpflichtungen des DDR-Systems kam es vielfach zu einer „Strategie des äußeren Arrangements“. Häufig wurden Formen einer „elastischen Rebellion“ praktiziert, wobei es den Befragten bewusst war, welche imaginäre „rote Linie“ nicht überschritten werden durfte, wollten sie ihre Lebenspläne nicht gefährden. Die Phase des sozialen Umbruchs löste bei den meisten der hier Befragten äußerst zwiespältige Ge-fühle der euphorischen Hoffnung wie der resignativen Enttäuschung aus. Viele fühlten sich von den Ereignissen überrollt und in eine passive Rolle hineingedrängt, auch wenn sie den gesellschaftlichen Transformationsprozess generell begrüßten.

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