Systemische Charakterisierung okulärer Manifestationen der Mukopolysaccharidosen am hinteren Augenabschnitt
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Mukopolysaccharidosen sind seltene hereditäre lysosomale Speicherkrankheiten, die in Deutschland mit einer Prävalenz von 3,51 pro 100.000 Einwohner vorkommen. Ursache sind Enzymdefekte, die zu einer Störung im Abbau und somit zu einer Akkumulation von GAGs führen. Klinisch resultiert dies unter anderem in vergröberten Gesichtszügen, Skelettdeformitäten und verschiedenen Organdysfunktionen. Okuläre Veränderungen umfassen Hornhauttrübung, Glaukom, Pigmentretinopathie, Pathologien des Sehnervs, Hyperopie und Strabismus. Aktuell sind 8 verschiedene MPS-Typen bekannt.
In dieser explorativen Studie erfolgten ophthalmologische Untersuchungen bei 29 Patienten mit unterschiedlichen MPS-Typen (I, II, III, IV, VI) im Vergleich zu gesunden Probanden ähnlichen Alters. Die Rekrutierung erfolgte nach vordefinierten Kriterien. Es wurden sowohl klinische und apparative Untersuchungen durchgeführt, wobei besonderes Augenmerk auf die Befunde des hinteren Augenabschnitts gelegt wurde.
Im Vergleich zu gesunden Probanden wiesen die MPS-Patienten einen signifikant schlechteren Visus auf. Ein Visus unter 0,5 wurde bei fast der Hälfte der MPS-Patienten festgestellt. Es wurde eine vermehrte Prävalenz von Hyperopie und Astigmatismus bei MPS-Patienten beobachtet. Der orthoptische Status zeigte nur vereinzelt einen manifesten Strabismus und war nicht spezifisch auf die verschiedenen MPS-Typen verteilt. Eine Papillenatrophie trat bei Patienten mit MPS-Typ II auf, retinale Pigmentatrophien bei Patienten mit MPS-Typ II und IV. Der Augeninnendruck war in der Gruppe der MPS-Patienten signifikant höher als in der Kontrollgruppe, obwohl die Diagnose eines Glaukoms, definiert über eine Schädigung des Sehnervs und damit verbundenen Gesichtsfeldausfällen, nur bei zwei MPS-Patienten gesichert war. In der Perimetrie wurden in der MPS-Gruppe signifikant häufiger Gesichtsfeldausfälle festgestellt. In der Makula-OCT zeigte sich eine signifikant dünnere parafoveale und perifoveale Netzhautdicke in der Gruppe der MPS-Patienten im Vergleich zur Kontrollgruppe. Besonders hervorzuheben ist die statistisch signifikante Ausdünnung im parafovealen und perifovealen Bereich bei Patienten mit MPS-Typ II. Es konnte jedoch keine Korrelation zwischen dem funduskopischen Netzhautbefund und dem Makula-OCT festgestellt werden. Bei Patienten mit funduskopischer Papillenatrophie wurde eine deutlich reduzierte pRNFL-Dicke gemessen. Zwischen der gesamten Gruppe der MPS-Patienten und der Kontrollgruppe konnte kein signifikanter Unterschied der pRNFL nachgewiesen werden. In der OCT-A zeigte etwa ein Drittel der MPS-Patienten eine geringere Kapillardichte der Netzhaut.
Anhand unserer Studienergebnisse konnten wir bei Patienten mit MPS typische okuläre Veränderungen am hinteren Augenabschnitt nachweisen. Diese stimmen größtenteils mit den in der Literatur beschriebenen Befunden überein, wobei in unserer Studie zusätzliche Daten generiert wurden, die als Grundlage für zukünftige Forschungsarbeiten dienen können. Trotz leichter bis moderater stromaler Hornhauttrübungen konnte ein guter Visus (>0,5 dezimal) erreicht werden, jedoch kann in Einzelfällen eine perforierende Keratoplastik erforderlich sein, wie sie ein MPS-Patient nach unserer Studie erhielt. Schielen tritt bei allen MPS-Typen auf, jedoch ohne spezifische Verteilung zwischen den verschiedenen MPS-Typen. Bei der Funduskopie sollten insbesondere bei MPS-Typ II und IV Veränderungen an Netzhaut und Papille beachtet werden. Ein erhöhter Augeninnendruck ist bei allen MPS-Typen wahrscheinlich; Die Interpretation sollte jedoch in Zusammenschau mit dem Schweregrad der Hornhauttrübung und deren Verdickung, der Schädigung des Sehnervs sowie den damit verbundenen Gesichtsfeldausfällen erfolgen, um unnötige antiglaukomatöse Therapien zu vermeiden. Die Perimetrie und die OCT sind geeignete Methoden zur Erfassung und Dokumentation von Veränderungen bei Glaukom und Pigmentretinopathie. Bei allen MPS-Typen, insbesondere aber bei MPS-Typ II, kommt es zu einer Ausdünnung der parafovealen und perifovealen Netzhaut, welche regelmäßig mittels OCT kontrolliert werden sollte. Zum ersten Mal wurden quantitative OCT-Bilder bei Patienten mit MPS-Typ III erfasst, die gemäß der Literatur die schwerste Form der Retinopathie aufweisen und daher eine wichtige Grundlage für zukünftige Forschungsarbeiten bilden. Die Anwendung einer OCT-A kann bei MPS-Patienten als additives diagnostisches Verfahren genutzt werden, um Veränderungen in der Kapillardichte darzustellen, die Hinweise auf strukturelle Veränderungen in den inneren und äußeren Netzhautschichten liefern können. Da bislang keine therapeutischen Maßnahmen daraus abgeleitet werden können, ist die OCT-A aktuell nicht zur Standarddiagnostik bei MPS empfohlen.
MPS-Patienten weisen im Vergleich zu Gesunden eine Beeinträchtigung der Sehschärfe und des Gesichtsfelds auf, einen höheren Augeninnendruck sowie strukturelle und vaskuläre Veränderungen des Sehnervenkopfes und der Makula auf.
Die Untersuchungen bei MPS sollten an deren physische und kognitive Fähigkeiten angepasst werden, wobei lebensrettende diagnostische und therapeutische Maßnahmen Priorität haben. Aufgrund geringer Fallzahlen bleiben einige Fragen offen. Der Einfluss etablierter Therapien, wie die Enzymersatztherapie und die Stammzelltransplantation, auf okuläre Veränderungen konnte in dieser Studie nicht geklärt werden. Zur vertieften Erforschung der zugrunde liegenden Prozesse und Pathologien das hinteren Augenabschnitts bei MPS sind weiterführende prospektive Studien erforderlich, wobei unsere Untersuchungen dabei eine wertvolle Basis für zukünftige Forschungsarbeiten darstellen.
Die in dieser Arbeit präsentierten Ergebnisse sind Gegenstand eines Manuskripts bei dem Journal „Graefe's Archive for Clinical and Experimental Ophthalmology“ und werden in Kürze unter dem Titel „Retinal microstructual and microvascular changes in mucopolysaccharidoses“ veröffentlicht. (DOI 10.1007/s00417-025-06954-y)
