Einführung und Evaluation eines neuen digitalen Curriculums Psychiatrie
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Abstract
Eine Weiterentwicklung der klassischen Lernumgebung mit traditionellen Vorlesungen im Hörsaal ist aus lerntheoretischer Sicht sinnvoll, da erfolgreiches Lernen ausschlaggebend von der Informationsverarbeitung abhängt und weniger von der Vermittlung der Informationen.
Diese nötige Umstrukturierung der Lehre mit den aktuellen digitalen Möglichkeiten zu kombinieren, erschien im Hinblick auf die derzeitige pandemische Situation durch SARS-CoV- 2 naheliegend. Daher wurde im Fach Psychiatrie und Psychotherapie an der JGU Mainz zum Sommersemester 2020 ein neues Curriculum etabliert, welches Im Sinne der Inverted-Classroom-Methode konzipiert wurde. Dies beinhaltet eine an den Präsenzunterricht vorangestellte Selbstlernphase zur Aneignung des theoretischen Faktenwissens mithilfe von online bereitgestellten Lernmodulen. Die 16 Einheiten des E-Learnings umfassten Vortragsvideos, den Auszug aus einem entsprechenden
Lehrbuchkapitel, Fallbeispiele mit Patient:innen und die Möglichkeiten der selbstständigen Überprüfung von theoretischem Wissen in Form von Quizzen und praktischen Inhalten in Form eines psychopathologischen Befundes. Im Anschluss an das Selbststudium erfolgte die Präsenzphase durch das Praktikum, welches für tiefergehende Verständnisfragen und Transferleistungen genutzt werden konnte. Zudem
gab es über das gesamte Semester sowohl eine Feedbackoption für die Studierenden als auch die Möglichkeit, sich bei inhaltlichen, technischen oder organisatorischen Herausforderungen an die Lehrbeauftragte zu wenden. Nach Implementation des neuen Curriculums wurde der Einfluss dessen auf die theoretischen (Feststellung anhand einer MC-Klausur zu Semesterende) und praktischen Lernerfolge (Feststellung mittels Abgabe eines psychopathologischen Befunds) der Studierenden überprüft. Zudem wurden die Evaluationen der Studierenden gegenübergestellt. Als Vergleichsgruppe diente dabei jeweils eine nicht-digitale Kohorte vor Umstrukturierung des Curriculums. Eine qualitative Auswertung von Fokusgruppen das erneuerte Curriculum betreffend wurde sowohl aus Sicht der Studierenden als auch aus der Perspektive der Dozierenden ausgewertet. Die Studierenden mit dem digitalen Curriculum erreichten mit kleinem Effekt in der Klausur signifikant höhere Punktzahlen als ihre Vergleichsgruppe (Mdigital = 26,07 Punkte bzw. 86,9% der Höchstpunktzahl, Mnicht-digital= 25,44 Punkte bzw. 84,8% der Höchstpunktzahl). Ein verbessertes Abschneiden im praktischen Bereich konnte nicht festgestellt werden. Die gesichtete Literatur zum Thema kommt zum Ergebnis, dass es bereits als Erfolg gewertet werden kann, wenn sich die theoretische Leistung der Studierenden nicht verschlechtert. In vergleichbaren Arbeiten nahm die praktische Leistungsfähigkeit der Studierenden zu. Als Hypothese für diese abweichenden Ergebnisse, gehen wir davon aus, dass die bereits 2019 eingeführte Checkliste zur strukturierten Erarbeitung eines psychopathologischen Befundes den Spielraum für Verbesserungen der Studierenden im praktischen Teil einschränkte. Das verbesserte Abschneiden im theoretischen Wissen in Mainz werten wir als erfolgreiche Etablierung des Unterrichtskonzepts: das diverse Videomaterial und die Betonung auf praxisnahe Inhalte mit besonders den eingebauten Rückkopplungsschleifen zur Selbstüberprüfung der Studierenden, welche in diesem Maße in vergleichbaren Arbeiten nicht zum Einsatz kamen, konnte eine Verbesserung im Faktenwissen der Studierenden erzielen. Die Gesamtevaluation der Studierenden zieht zudem ein positives Resümee (Gesamtnotedigital= 1,09 vs. Gesamtnotenicht-digital = 1,66, p<.001; d=0,79, entsprechend einem großen Effekt
(Cohen, 1988)). Dieses Ergebnis deckt sich zudem mit den Inhalten der Fokusgruppen. Weitere Anmerkungen konnten prozessbegleitend bzw. für zukünftige Veranstaltungen nutzbar gemacht werden. Die Wichtigkeit des praktischen Anteils der Lehre wird dennoch im Abbau von Berührungsängsten mit psychiatrischen Krankheitsbildern unterstrichen. Eine digitale Erweiterung der Lehrmethoden sollte daher stets ergänzend verstanden werden und nicht den Patient:innenkontakt ersetzen. Eine weitere Verbesserungsoption in der Lehre wäre demnach in einer zusätzlichen praktischen Prüfung, beispielsweise in Form einer stationsbasierten OSCE, denkbar. Erlangte Erkenntnisse wie jene aus der vorliegenden Arbeit fließen demnach gewinnbringend in die zukünftige Lehrplanung ein und ermöglichen damit eine stetige nötige Weiterentwicklung und Anpassung der Lehrpläne. So kann eine Lehre basierend auf dem aktuellen Stand der Forschung und Entwicklung erreicht und überhaupt ermöglicht werden.
