Klaus T. Weber „Keine Spionage“ – Wie geheim waren Festungen? Überlegungen zum Festungsbau in der Zeit des Deutschen Bundes.1 Abb. 01: Wilhelm Anton Witthoff: Festung Ehrenbreitstein, 1820, Öl auf Holz (Mittelrhein-Museum / Koblenz, Inv.-Nr.: M1981_20; Foto: Klaus T. Weber, 2023) 1 Der Aufsatz ist Teil eines Vortrages, der auf der 40. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Festungsforschung am 23. September 2021 in der Zitadelle Wesel gehalten wurde. Auf Grund des Textumfanges wurde dieser Teil ausgegliedert und ein eigenständiger Aufsatz. Der publizierte Tagungsband (Festungsforschung, Bd. 15, erscheint voraussichtlich 2024 im Verlag Schnell und Steiner, Regensburg) enthält den zweiten Teil des Vortrages als eigenständigen Aufsatz: Festungen – Spionage – Gesetze. Ein Überblick zum Spionagegesetz in Preußen und im deutschen Kaiserreich in Bezug auf den Festungsbau. 1 Einleitung: Im Mittelrhein-Museum / Koblenz wird heute ein kleines Ölbild ausgestellt.2 Im Vordergrund ist das Geschützplateau der Südtraverse der Festung Ehrenbreitstein zu sehen. Hier steht ein preußischer Unteroffizier in Begleitung von Zivilisten, zwei Frauen und ein Mann. Der Soldat weist über den unteren Schlosshof hin zur Großen Traverse, wo die preußische Fahne weht. Eingeladen vom Postkartenwetter schlendern weitere Person und Paare über die Fortifikation. Gemalt wurde das Bild 1829 von Anton Witthoff (1800–1866)3, der damals als Second- Lieutenant der 8. Pionier-Abteilung bei der Festung arbeitete4 und selbst solche Führungen durchführte. Das Bild entstand zu einem interessanten Zeitpunkt. Ein Jahr zuvor war erst der Schlussstein der Fortifikation gesetzt worden und ab 1830 begann die Truppenbelegung auf dem Ehrenbreitstein.5 Sehr detailreich wird die Topografie und die Architektur wiedergegeben, so dass im Hintergrund noch das im Entstehen befindliche Werk Nöllenkopf6 gut zu erkennen ist. Bei der stimmungsvoll ausgeleuchteten Bildkomposition steht jedoch die imponierende Wehrhaftigkeit der Anlage nicht im Vordergrund, sondern der ästhetische Charakter der modernen Militärarchitektur, die sich harmonisch in die erhabene Landschaft integriert. Ein schöner Beleg aus der Erbauungszeit jener Festung, mit der weithin sichtbar Preußen die neue Provinzhauptstadt sicherte, seinen Machtanspruch am Rhein architektonisch gestaltete und an die Bevölkerung vermittelte. Der Wehrbau war damals zumindest in Teilen kein Sperrgebiet, in das nur privilegierte Personen zutritt hatten, sondern das militärische Renommierobjekte war ein Werbeträger für Preußens „Glanz und Gloria“.7 Hieraus ergibt sich die Frage: Wie geheim waren damals Festungen? Die folgenden Überlegungen konzentrieren sich auf das 19. Jahrhundert und den Festungsbau im Gebiet des Deutschen Bundes. Es wird beleuchtet, wie sich damals Wissen über den zeitgenössischen Festungsbau in der Gesellschaft verbreitete. 2 Mittelrhein-Museum Koblenz, Inv.Nr. 1981/20, Öl auf Holz, 26 x 36cm. Vgl. Bestandskataloge des Mittelrhein- Museums Koblenz, Bd. VI: Die Gemälde. Aquarelle und Zeichnungen des 19. Jahrhunderts, Koblenz 1999, S. 93, Nr. 247. 3 Klaus T. Weber, Die preußischen Festungsanlagen von Koblenz (1815–1834). (Kunst- und Kulturwissenschaftliche Forschungen, Bd. 1), Weimar 2003, S. 339. Von Witthoff gibt es im Koblenzer Museum weitere Bilder, die eine recht genaue Vorstellung der Rheinfestung vermitteln (u.a. Inv.Nr. M243 u. M801). 4 Ebd., S. 339. 5 Ebd., S. 273. 6 Ebd., S.293–295. Zum Ausbau zu Fort Rheineck (1875–1881) s. Matthias Kellermann, Die preußische Festung Koblenz und Ehrenbreitstein. Zur Geschichte der rechtsrheinischen Festungswerke, Koblenz 2011, S. 22–38. 7 S. Manfred Böckling, Ein bewachter Aussichtspunkt am Rhein. Fremdenführungen auf der Feste Ehrenbreitstein im 19. Jahrhundert, in: Landeskundliche Vierteljahrsblätter 47, H.1 (2001), S. 17–36. Die Inschrift des repräsentativen Brunnenmonuments auf der Aussichtsterrasse des Ehrenbreitsteins bezeugt bis heute, dass mit dem Festungsbau und seiner von Anfang an gesteuerten Rezeption zugleich das Ziel verfolgt wurde, Preußen als neuen Garanten für die Sicherheit des Rheingebietes zu vermitteln und zielte damit zugleich auch auf den Rechtsanspruch einer neu installierten politischen Ordnung (vgl. Weber 2003 (wie Anm.2), S. 175f). 2 Abb. 2: Lesezimmer in der Festung Ehrenbreitstein, um 1914 (Foto: Privatbesitz) Wie generierte sich im 19. Jahrhundert Wissen über den zeitgenössischen Festungsbau? Militär: Naturgemäß bestand im Militär ein Fachinteresse am zeitgenössischen Festungsbau. Nach den Napoleonischen Kriegen waren die Festungen Zentraleuropas nach einem teils intensiven Ringen um diese in den Armeen der beteiligten Länder bekannt. Als geheim können diese Wehrbauten zu jener Zeit nicht gelten. In den Festungen eigneten sich die Soldaten Kenntnisse hierüber aktiv und passiv, in Theorie und Praxis an. Die in Festungen garnisonierten Truppen hatten permanent mit den Festungswerken zu tun. Dies galt sowohl für Baumaßnahmen als auch für Instandhaltung und Nutzung. Hierbei ging es nicht nur um den Gebrauch der Anlagen im Krieg. Im Deutschen Bund verbreitete sich von Preußen aus die Idee, die Festungswerke in Friedenszeiten für die Kasernierung und das Magazinieren konsequent zu nutzen.8 1813 wurde in Preußen die Wehrpflicht eingeführt. Dies bedeutete zwangsläufig eine größere Fluktuation in den Garnisonen. Hinzu kam, dass mitunter die Stationierung von einzelnen Einheiten nicht statisch war. Gerade bei Ingenieur- und Pioniereinheiten lässt sich dies beobachten.9 Ingenieuroffiziere der unteren Ränge wurden meist nur für wenige Jahre zu einer Festungsbaustelle kommandiert, wodurch das Wissen darüber bewusst breit in das Ingenieurkorps gestreut wurde. Hierzu gehörten auch Lehrbücher 8 Vgl. Weber 2003 (wie Anm.3), S. 118–120 u.126–133. Benedikt Loew u.a. (Hrsg.): Intra muros, Infrastruktur und Lebensalltag in Festungen. Die Kasernen (Schriftenreihe Festungs-Forum Saarlouis, Bd. 1), Saarlouis 2014. 9 Vgl. Udo von Bonin: Geschichte des Ingenieurkorps und der Pioniere in Preußen. 2 Bde, Berlin 1877f. 3 zur Befestigungskunst, wie die von Moritz von Prittwitz und Gaffron (1795–1885)10 oder Julius von Wurmb (1804–1875)11, die recht präzise auf den zeitgenössischen Wehrbau eingingen und diesen abbildeten, wobei die konkrete Identifizierung meist unterblieb, aber für den kundigen Offizier durchaus gegenwärtig war. Teilweise wurden diese Fachpublikationen nicht für die Öffentlichkeit, sondern nur für den Dienstgebrauch herausgegeben. In lokalen Studierstuben bestand vor Ort die Möglichkeit, Material zum Thema zu sammeln und bereitzustellen. Abb. 3: 1. Moritz von Prittwitz und Gaffron: Beiträge zur angewandten Befestigungskunst (…). Posen 1836. Taf. 83 zeigt den linken Flankenturm von Fort Asterstein / Koblenz, um 1825. 2. Moritz von Prittwitz und Gaffron: Lehrbuch der Befestigungskunst (…). Berlin 1865. Taf. XIV (Ausschnitt) zeigt freistehende Eskarpenmauer und Eskarpengalerie, wie sie seit 1815 in Preußen erbaut wurden. 3. Julis von Wurm: Lehrbuch der Kriegs-Baukunst (…). München 1852. Taf. XVII (Ausschnitt) zeigt Weißenburger Tor der Festung Germersheim, um 1839. 10 Beiträge zur angewandten Befestigungskunst und des Festungskrieges. Posen 1836. Lehrbuch der Befestigungskunst und des Festungskrieges. Berlin 1865 (Übersetzungen u.a. ins Französische und Türkische). Zur Person vgl. Kurt von Priesdorff: Soldatisches Führertum. Bd.6, Teil 9, Berlin 1938, S. 322–324, Nr. 1944. 11 Lehrbuch der Kriegs-Baukunst zum Gebrauche der kais. kön. Génie-Academie. München 1852. (Übersetzung u.a. ins Spanische) Zur Person vgl. Österreichisches Biographisches Lexikon (ÖBL), online: https://biographien.ac.at/ID-184.6717612335340-1 [01.04.2023] 4 Zu Beginn des 19. Jahrhunderts galt es nicht als unehrenhaft, wenn ein Soldat seine Kariere in der Armee eines anderen Staates fortsetzte. Zu diesem Personenkreis gehörte beispielsweise Ernst Ludwig von Aster (1778–1855). Er wurde in Sachsen ausgebildet, wo sein Vater Friedrich Ludwig Aster (1732–1804) bis zum Chef des Ingenieurkorps aufstieg. Ernst Ludwig war beteiligt an der Entfestigung von Dresden und erarbeitete für Sachsen einen Befesti- gungsplan für Torgau, den er in Paris Napoleon persönlich vorstellte. 1812 nahm Aster als stellvertretender General- stabschef des Korps Reynier am französischen Feldzug gen Russland teil. Aster bat Ende 1813 um seine Entlassung aus sächsischen Diensten, wie auch andre hochrangige Offiziere, um im russischen Generalstab und dann als Generalquartiermeister des III. Deutschen Bundesarmee- korps eine Anstellung zu Abb. 4: erhalten. 1815 wurde Aster in Generalinspekteur der preußischen Festungen preußische Dienste über- Ernst Ludwig von Aster, nommen. Am Ende des Jahres auf der rechten Brust der russische Orden der Heiligen Anna 1. Klasse, der ihm wegen seiner Verdienste um den betraute man Ihn mit der russischen Festungsbau vom Zaren verliehen wurde. Aufsicht über die von Preußen Aus: Kurt von Priesdorff, Soldatisches Führertum, Teil 7, besetzten Festungen in Hamburg 1937, Nr. 1350. Frankreich und übergab ihm die Leitung des Festungsbaus im Rheinland und Westfalen. Seit 1837 war Aster Chef des Ingenieur- und Pionierkorps und Generalinspekteur der preußischen Festungen.12 12 Zur Person Ernst Ludwig von Aster vgl. Kurt von Priesdorff, Soldatisches Führertum. Teil 7, Hamburg 1937, Nr. 1350, S. 355–360. Weitere Angaben aus Manuskript: Lebensdaten von Ernst-Ludwig v. Aster D 16, Familienarchiv Ernst-Ludwig von Aster. 5 Aster war international vernetzt und sehr kommunikativ. Nachweise darüber finden sich noch heute in verschiedenen Kriegsarchiven außerhalb Preußens, die auch interne Festungskenntnisse über Konzeption, Bauprüfungen, Baudetails und Bewaffnung enthielten.13 Auf Einladung von Zar Nikolaus I. (1796–1855) und genehmigt durch den Preußischen König Friedrich Wilhelm III. (1770–1840) reiste der Generalinspekteur Aster mit weiteren Ingenieuroffizieren14 1838 nach Russland, um konzeptionell am russischen Ausbau der Festung Modlin / Nowogeorgiewsk (heute Nowy Dwór Mazowiecki, Polen) mitzuwirken. Seine Vorschläge sollen auch zur Anwendung gekommen sein.15 Dies belegt, dass sich im Umgang mit fähigen Ingenieuroffizieren im 19. Jahrhundert zunächst nichts geändert hatte und diese den befreundeten Nationen bei Bedarf „entliehen“ wurden, wie es schon in den Jahrhunderten zuvor Brauch war. Die Seriosität des Unternehmens war nicht zweifelhaft und hatte für Preußen den Vorteil, dass es konkrete Erkenntnisse zugleich auch über die Situation des Festungsbaus im Nachbarland erbrachte. Über die von Aster eingereichten Berichte und Zeichnungen urteilte der preußische König, dass diese „ein klares Bild von der Großartigkeit der Festungsbauanlagen in Russland“ vermittelten.16 Festungsneubauten fanden nicht im Verborgenen statt und waren für andere Staaten von besonderem Interesse. Zu jener Zeit gestattete der Souverän den Besuch seiner Festungen. Für den preußischen Festungsbau am Rhein ist dies gut belegt. Peter Kleber vom Koblenzer Stadtarchiv (1946–2018) hatte sich in jüngerer Zeit näher mit diesen Besuchen bei der großen Doppelfestung von Koblenz und Ehrenbreitstein beschäftigt, die zwischen 1815 und 1834 um die neue Hauptstadt der preußischen Rheinprovinz entstand. Kleber konnte aufzeigen, dass in den ersten Jahrzehnten nicht nur die Baustelle, sondern auch die dort abgehaltenen militärischen Manöver reichhaltig von ausländischen Offizieren besucht wurden. Als 1825 der preußische König Friedrich Wilhelm III. (1770– 1840) seine neue Festung besuchte, war sogar ein französischer Generalleutnant zugegen.17 Über derartige „Visitationen“ berichtete mitunter die Regionalzeitung, die 1843 vermeldet: "Vier englische Offiziere vom Ingenieur-Corps sind von ihrer Regierung hierher beordert, um den Übungen der hier versammelten Pioniere beizuwohnen und die hiesigen großartigen Festungsbauten in Augenschein zu nehmen".18 13 Vgl. Weber 2003 (wie Anm.3). 14 Priesdorff 1937 (wie Anm. 12), S. 359. Hier auch weitere Einlassung, so war u.a. auch der General der Infanterie Karl von Grolman (1777–1843) bei der Reisegruppe. Zunächst erlebte man ein Manöver in Warschau und begab sich dann auf die Reise zu den russischen Festungen. 15 Ebd., S. 359. Der Bau der Festung Modlin veranlasste Napoleon (01.12.1806). Ein erster Ausbau erfolgte 1832–1841 unter Leitung von Johann von Dehn (1785–1859) und Alexander Wilhelm Feldmann (1790–1861). Es ist unklar, was in Modlin konkret auf Aster zurück geht. 16 Ebd., S. 359. 17 Peter Kleber, Spionage oder genehmigte Erkundungen? Die Rapporte und Besichtigungsberichte ausländischer Militärs über den Bau der preußischen Festung Koblenz–Ehrenbreitstein, 2016, Onlinepublikation 2019, https://www.edoweb-rlp.de/resource/edoweb:7055435 [01.03.2023] u. https://stadtarchivkoblenz.files.wordpress.com/2018/12/kleber_spionage-2.pdf [01.03.2023] 18 CA Nr. 186 vom 16.8.1843. 6 Abb. 5: Detailzeichnungen von den Festungswerken bei Koblenz und vom Blockhaus der Feste Saarlouis. „Gezeichnet in der Situations Zeichenungs Schule des K.K. Bombardier Corps“ von F. Krippl, Feuerwerker 1826 (Kriegsarchiv Wien PL GIc 274-12, Bl. 3) Die erhaltenen Berichte zum Festungsbau vermittelten in aller Regel Erkenntnisse über die spezielle Topografie, das generelle Befestigungskonzept und spezifische Baudetails. Mitunter ging der Inhalt auch darüber hinaus und enthielt u.a. prinzipielle Angaben zur Garnison und Bewaffnung. Den Berichten gab man Planmaterial bei, das jedoch meist davon getrennt aufbewahrt wurde, so dass heute der Zusammenhang nicht immer herzustellen ist. Zudem sind diese Berichte oft nur unvollständig in Wort und Bild erhalten. Die Genauigkeit einzelner Berichte lassen erkennen, dass die örtlichen Ingenieure die Festung an ihre Fachkollegen theoretisch und praktisch vermittelten. Die Baustelle wurde genauso besucht, wie Baupläne vorgelegt, die als Grundlage für die Zeichnungen der Berichte gedient haben müssen. Die Exaktheit einzelner Berichte zur Festung Koblenz erlaubt nur den Schluss, dass ausländischen Offizieren vor Ort mitunter Raum und Zeit gelassen wurde, um sich intensiv mit der Materie zu beschäftigen. Der Umfang des erhaltenen Materials19 lässt es abwegig erscheinen, dass die Berichte im Verborgenen oder ohne Wissen, Duldung oder gar konkrete Unterstützung der örtlichen Generalkommandantur entstanden seien. 19 S. Weber 2003 (wie Anm.3), S. 352–376. 7 Abb. 6: Koblenz / Feste Kaiser Alexander, Kaponniere der Südfront, entstanden 1817-1819 A) Preußischer Plan, 1817 (Berlin, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz XI. HA, FPK, F Nr. 70459) B) Plan (Ausschnitt) einer Offizier-Erkundungsreise, 1818 (Stockholm, Riksarkivet, Krigsarkivet, Utländska stads- och fästningsplaner, Koblenz, SE/KrA/0406/25/133/004) 8 Doch nicht jedem Militärbeobachter brachte man das gleiche Entgegenkommen entgegen. 1818 berichtete der österreichische Major Heinrich von Lebzeltern (1782– 1846)20: „Ich sah weder einen Plan des Ganzen, noch einen Detail-Plan einzelner Werke, nur aus den begonnenen Arbeiten konnte ich auf ihre Vollendung und ihren Zusammenhang schließen; selbst die Erklärungen der auf den verschiedenen Objekten angestellten Ingenieur Offiziere waren keineswegs deutlich und nur durch unerschöpfliches Lob hoffte ich sie etwas mitteilender zu machen.“21 Hingegen wurde der württembergische Generalquartiermeister Ferdinand von Varnbüler (1774–1830)22 äußerst zuvorkommend empfangen, und der Platzingenieur von Koblenz Heinrich Buschbeck (1779–1833)23 zeigte „mit großer Bereitwilligkeit nicht nur die Bauarbeiten, sondern auch die Grundrisse“24. Der Aufenthalt dieser ausländischen Offiziere betrug zumeist einige Tage, konnte aber auch Monate oder Jahre andauern. So war vom 21. März 1821 bis 8. Oktober 1822 der russische Ingenieuroffizier Alexander Iwanowitsch (von) Feldmann (1790–1861) an den Rhein kommandiert worden, um dort die Festungsbauten von Köln und Koblenz zu studieren und in der Folge seine Kenntnisse in verschiedenen russischen Festungsprojekte jener Zeit einzubringen.25 Gerade nach den Napoleonischen Kriegen war die fortifikatorische Sicherung der Grenzregion gen Frankreich von militärischen und öffentlichen, von nationalem und internationalem Interesse. In der Erbauungszeit der neuen preußischen Rheinfestungen bestand bis gegen Ende der 1820er Jahre eine überraschend großzügige Bereitschaft, diese zu präsentieren. Offenbar hatte dies in Koblenz so überhandgenommen, dass sich der Oberbürgermeister Abundius Mähler (1777–1853)26 gegen Ende 1826 genötigt sah, im Coblenzer Anzeiger (im Folgenden CA) darauf hinzuweisen, dass "nach Allerhöchstem neuerdings geschärftem Befehle weder auswärtigen Offizieren noch Beamten noch Fremden und Bürgern der Zutritt zu allen Festungen, Militäranstalten und Einrichtungen 20 Der Ingenieuroffizier Heinrich Ritter von Lebzeltern war zu dieser Zeit bei der Festungsgarnison in Mainz stationiert und kam im folgenden Jahr zur Lokalkommission Germersheim, die unter Leitung des bayerischen Genieoffiziers Anton von Edlinger Befestigungsprojekte erarbeitete, die sich zum Teil stark an Koblenz orientierten. Pläne haben sich hiervon erhalten im Kriegsarchiv München Best. Germersheim. 21 Wien Kriegsarchiv K II f 34-1 und 34-2 22 Ferdinand Freiherr Varnbüler von und zu Hemmingen war ein Generalstabsoffizier, der in der napoleonischen Zeit in österreichischen und württembergischen Diensten stand, am 1. Mai 1815 zum Generalmajor und Generaladjutant des württembergischen Kronprinzen ernannt wurde und seit dem 16. November Generalquartiermeister war. Die Rangangaben bei Kleber 2016 (wie Anm. 17), S. 7 sind falsch. Vgl. Bernhard von Poten, Varnbüler von und zu Hemmingen, Ferdinand Freiherr, in: Allgemeine Deutsche Biographie 39 (1895), S. 490–492. Online: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100652689.html#adbcontent [01.04.2023]. Varnbüler gehörte auch der Militärkommission des Deutschen Bundes an, die in Frankfurt a.M. über die Bundesfestungen entschied. Vgl. Klaus T. Weber, Die Bundesfestungen (1815–1866) – Eine Einführung, in: Die Festungen des Deutschen Bundes 1815–1966 (Festungsforschung 5), Regensburg 2014, S. 17. 23 Weber 2003 (wie Anm.3), S. 324. 24 Hauptstaatsarchiv Stuttgart, E 270a Bü 451. Bericht, dat. Frankfurt a.M. 16. Juli 1818. 25 Vgl. https://ru.wikipedia.org/wiki/Фельдман,_Александр_Иванович [01.04.2023] S.a. Anm. 15. Dieser forcierte Austausch zwischen Preußen und Russland bewirkte in jener Zeit, dass sich vieles von dem, was heute als „neupreußische Festungsmanier“ bezeichnet wird, auch im russischen Festungsbau wiederfindet. 26 https://de.wikipedia.org/wiki/Abundius_Maehler [01.04.2023] 9 hierselbst, ohne spezielle Allerhöchste Erlaubnis gestattet"27 sei. Diesem folgten am 28. Mai 1828 noch „ausführliche Instruktion über das Geheimhalten der Festungswerke und aller militärischen Anlagen.“28 Die Diskussionsfreudigkeit und Aufgeschlossenheit des preußischen Militärs bewirkte nicht nur ein charakteristisches Bauverfahren29, die Entwicklung der sogenannten „neupreußischen Festungsmanier“30 sondern bewirkte eine generelle Erneuerung im internationalen Festungsbau, wobei die preußischen Innovationen zur Normierung der Fortifikation des 19. Jahrhunderts entscheidend beitrugen. Die entstandenen Berichten der Militärbeobachter waren stets für den internen Dienstgebrauch vorgesehen und nicht für eine darüberhinausgehende Öffentlichkeit.31 Umso irritierender war es, als der englische Offizier John Humfrey32 seine Erkenntnisse über den Koblenzer Festungsbau 183833 als Buch publizierte.34 Humfrey hielt sich zwischen 1831 und 1834 mit seiner Familie auf Gut Besselich bei Koblenz auf und stand im direkten Kontakt mit der örtlichen 7. Pionier-Abteilung. Es gilt inzwischen widerlegt, dass es sich bei der Publikation um das Ergebnis von Spionagetätigkeit handelte.35 Als das Werk dem Kriegsminister und vormaligen langjährigen Generalinspekteur der preußischen Festungen Gustav von Rauch (1774–1841)36 zur Kenntnis gebracht wurde, war dieser nicht gerade begeistert, äußerte sich aber in einem Zirkular recht unaufgeregt dazu: Eine solche Publikation mit „sehr detaillierte(n) Daten und Plänen(n)“ der Befestigung sei möglich „bei einem längeren Aufenthalt am Orte unter Benutzung jeder Gelegenheit bei einem wohlwollenden Entgegenkommen, und bei dem Besitze von Kenntnissen im Befestigungswesen, im Aufnehmen und Croquieren“. Rauch urteilte, dass „direkte 27 CA Nr. 48 vom 01.12.1826. Zitiert nach Kleber 2016 (wie Anm. 17), S. 5. 28 Kleber 2016 (wie Anm. 17), S. 5. 29 Vgl. Klaus T. Weber, Versuch eines pseudo-empirischen Bauverfahrens, in: Neue Forschungen zur Festung Koblenz und Ehrenbreitstein 2, Regensburg 2006, S. 55–73. 30 Vgl. Klaus T. Weber, „Neupreußische Festungsmanier“ – ein Mythos? In: Festungsbaukunst in Europas Mitte (Festungsforschung 3), Regensburg 2011, S. 123–134. 31 Es war üblich, dass Offiziere Auslandsreisen unternahmen und die dabei gemachten Beobachtungen an die daran interessierten Dienststellen berichteten, vgl. Erich Hillbrand, Festungsbau in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Blickfeld fremder Staaten, in: Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 55 (2011), S. 969–986. Jürgen W. Schmidt, Spione, Betrüger, Geheimoperationen. Fallstudien und Dokumente aus 275 Jahren Geheimdienstgeschichte, Berlin 2015, S. 291f. Lukas Grawe, Offizier-Erkundungsreisen als Mittel der deutschen Feindaufklärung vor dem Ersten Weltkrieg, in: Militärgeschichtliche Zeitschrift 76/2 (2017), S. 419- 458. Online: https://doi.org/10.1515/mgzs-2017-0073 [01.04.2023] 32 Die Lebensdaten von John Humbly Humfrey sind nicht bekannt. Zu seinem Aufenthalt bei Koblenz siehe Kleber 2016 (wie Anm. 17), S. 19–21. 33 John Humbly Humfrey, An essay on the modern system of fortification adopted for the defence of the Rhine- Frontier, and followed in a greater or less in all the principal works of the kind now constructed on the continent, exemplified in a copious memoir on the fortress of Coblenz, and illustrated by plans and sections of the works at that place, London 1838. 34 Hartwig Neumann, Udo Liessem, Die Klassizistische Großfestung Koblenz. Eine Festung im Wandel der Zeit: preußische Bastion, Spionageobjekt, Kulturdenkmal. Mit dem vollständigen Reprint der deutschen Ausgabe des "Spionagewerks" von J. H. Humfrey: "Versuch eines neu angenommenen Fortifikations-Systems zur Vertheidigung der Rhein-Grenze", Nürnberg 1842, (Architectura militaris 2) Koblenz 1989. 35 Vgl. Weber 2002 (wie Anm. 3), S. 21. Kleber2016 (wie Anm. 17), S. 19–21. 36 Priesdorff 1937 (wie Anm. 14), Nr. 1291, S. 201-215. 10 Mittheilungen von Preuß. Offizieren und Beamten“ dafür nicht nötig seien. Als Konsequenz auf den gezeigten „Grad von Indiscretion und Mangel an Delicatesse“ forderte Rauch, dass „die Commandantur und die Ingenieur Offiziere die Lehre zu entnehmen sein, fremden Personen die Besichtigung der Festungswerke nur mit Vorsicht zu gestatten, und nähern Mittheilungen möglichst zu enthalten.“ Auch sei darauf hinzuwirken, dass „ein vorsichtiges und den bestehenden Vorschriften entsprechendes Benehmen bei Besichtigung der Festungen von fremden Personen“ erfolge. 37 Dies belegt, dass die Instruktion von 1828 kein generelles Verbot der „Festungsbesichtigung“ aussprach, sondern ihre Normalität regulierte. Die allgemeine Instruktion wurde dann eingebunden in die jeweiligen Garnisons- Bestimmungen der einzelnen Festungen, in denen, wie im Falle der Koblenzer Anlagen, zusätzlich die lokalen Besonderheiten vermittelt wurden.38 Abb. 7: Plan der Befestigung von Koblenz und das Befestigungssystem Feste Kaiser Franz, aus: John Humfrey, An essay on the modern system of fortification (…). London 1838 37 Transkription des Zirkulars abgedruckt bei Neumann, Liessem 1989 (wie Anm. 34), S. 17. 38 Vgl. z.B. Garnison-Bestimmungen für Coblenz-Ehrenbreitstein, Coblenz 1903, III. Teil, S. 90–99. Nr. 368–390. Online-Ausgabe: Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz, 2013, urn:nbn:de:0128-1-37070 11 Zivilbevölkerung Einmal publiziert, ließ sich das englische Buch zur preußischen Festung bei Koblenz nicht mehr aufhalten und konnte dort auch im lokalen Buchhandel erworben werden.39 Hier erstand ein bayrischer Offizier ein Exemplar und lies es seinem Kammeraden, dem Ingenieurhauptmann Friedrich Reichard (1794–1845),40 zukommen, der es ins Deutsche übersetzte und mit einem ausführlichen Kommentar ergänzte. 1842 erschien das Buch bei Riegel & Wiessner in Nürnberg. Reichard sicherte sich hierbei ab, indem es Ihm gelang, für die auf dem Dienstweg eingereichte Schrift das Wohlwollen des bayrischen Königs Ludwig I. (1786–1868, reg. 1825–1848) zu erhalten.41 Ein durchaus pikanter Vorgang, da das mit Kartenmaterial ausgestattete Werk in Preußen in dieser Form wohl nicht hätte verlegt werden können. In Preußen unterlagen militärische Druckschiften von Einzelpublikationen, Journale und Textstellen militärischen Inhaltes seit 1823 der Zensur des Generalstabes.42 In jeder Provinz gab es einen Generalstabsoffizier, der die Aufgabe des Zensors übernahm, die Stelle des „Ober-Censur-Collegiums“ vertrat der Chef des Generalstabes und die oberste Behörde war in diesem Zusammenhang das Kriegsministerium.43 1834 wurde bestimmt, dass für die Zensur von Festungsplänen und deren Umgegend der Generalstabschef und der Generalinspekteur der Festungen zuständig seien.44 1836 wurden zudem noch zentrale „Grundsätze“ durch den König genehmig: - Jede Art von Befestigungswiedergabe, ob zusammenhängende Linien oder einzelne detachierte Werke, war untersagt. Dies bezog sich auch auf die äußere Kontur bzw. dem Verlauf des Glacis. - Der umschlossene Siedlungsraum darf nur bis zur Wallstraße abgebildet werden, der im Innern entlang des Hauptwalls verläuft bzw. in Ermangelung dessen bis zum inneren Wallfuß. - Im Rayongebiet durften Ortschaften, einzelne Gebäude (z.B. Mühlen, Gehöfte) wie auch Wege, Straßen, Gewässer und Brücken verzeichnet werden. Nicht erlaubt war jedoch alles, was die „nähere Terrainbeschaffenheit erkennen läßt“. Dazu gehörten Höhenangaben aber auch Wälder, Wiesen und andere Vegetation.45 Die Zensur verhinderte in Preußen die Fachpublikation zum eigenen zeitgenössischen Festungsbau. Ähnlich verhielt es sich auch in den anderen deutschen Ländern und die Humfrey-Publikation blieb eine Ausnahme. 39 Neumann, Liessem 1989 (wie Anm. 34), S. 80 (Reinhard, 1842, S. 3.) 40 Zur Person Friedrich Reinhardt s. Neumann, Liessem 1989 (wie Anm. 34), S. 15. S. auch http://d- nb.info/gnd/128651318 [01.04.2023] 41 Vgl. Neumann, Liessem 1989 (wie Anm. 34), S.14–27. Zur Rezeption der Arbeit im französischen Sprachraum s. Manfred Böckling, Ein Schlüssel zum Mittelrhein. Die Festung Koblenz und Ehrenbreitstein aus der Sicht französischer Ingenieur-Offiziere, in: Landeskundliche Vierteljahrsblätter 48 (2002), S. 121–138. 42 Mit der Order vom 24. November1823 wurde die Zensur an den „Generalstabe unter der oberen Leitung des Chefs desselben übertragen“, s. Die Preussische Pressegesetzgebung 1843, S. 154. 43 Vgl. Die Preussische Pressegesetzgebung 1843, S. 154. 44 Ebd. 45 Ebd., S. 155. 12 Abb. 8: Stadtplan von Koblenz erschienen bei Jakob Hölscher (1798–1862) 1840. Der Stadtwall ist eine „Freifläche“ und durch Begriffe wie „Glacis“ und „Thor“ zu erahnen. (Online-Ausgabe: Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz, 2014, urn:nbn:de:0128-1-43468) Abb. 9: Ausschnitt von Koblenz aus: Panorama des Rheins und seiner nächsten Umgebungen von Mainz bis Cöln, nach der Natur aufgenommen und gestochen von Friedrich Wilhelm Delkeskamp (1794–1872), Frankfurt 1825 (Online-Ausgabe: Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz, 2008, urn:nbn:de:0128-1-1594) 13 Möglich war jedoch eine touristisch orientierte Vermittlung von Festungen in Text und Bild. Aus militärischer Sicht sollte dieses Material unbrauchbar sein, wodurch sich die zahlreichen zeitgenössischen Festungsdarstellungen erklären, die nichts mit dem tatsächlich Gebauten gemein haben. Vor Ort bot der geschäftstüchtige Buchhandel die einschlägige Fachliteratur an – je nach Belieben in deutscher, englischer oder französischer Sprache, wobei fremd- sprachige Ausgaben durchaus Informationen bzw. Bildmaterialien enthielten, die der Zensur zuwiderliefen.46 In den Reiseführern wurde gerne auf den Rayon-Bereich als lokaler Naherholungsraum hingewiesen und wenn es dem Reiz der Landschaft entsprach, wurden detachierte Werke als Zielmarken für einen Ausflug angepriesen. 1845 hieß es z.B. im lokalen Reiseführer: „Einer der genussreichsten Spaziergänge auf dem Vorgebirge zwischen der Mosel und dem Rhein, ist der um das vom 1817 bis 1822 erbaute Alexander-Fort (…), um das sich ein schöner, mit hohen Pappeln zu beiden Seiten bepflanzter Fahrweg und hübsche Gebüsche ziehen.“47 In jener Zeit war die Attraktivität des Ehren- breitsteiner Plateaus mit seinem imposanten Ausblick bereits so begehrt,48 dass schon 1821 öffentlich der Besuch der Festungsbaustelle beworben wurde, für die eine Art Eintrittskarte vom „Kommandanten vom Genie-Wesen“ zu bekommen war.49 Diese touristische Tradition hält Abb. 10: Erlaubnis-Karte für den Bäcker Schulz zum Eintritt in das Festungswerk von bis heute an, wobei in Zeiten der Oberehrenbreitstein, aus: Garnison- militärischen Nutzung nur ein Bestimmungen für Coblenz-Ehrenbreitstein, definierter und kontrollierter Bereich Coblenz 1903, III. Teil, S. 93 (Kolonnenweg bis zum Oberer (Online-Ausgabe: Landesbibliothekszentrum Schlosshof) für die Öffentlichkeit Rheinland-Pfalz, 2013, urn:nbn:de:0128-1-37070) zugänglich war. Hiervon zeugt das 46 Z.B. trifft dies zu auf Johann August Klein, Coblence. Sous ses rapports historiques et topographiques d'après les documents y relatifs, übersetzt von Jacques Lendroy (1749–1844), Coblence 1829. Diese Ausgabe enthielt eine Grafik von Carl Bodmer (1809–1893) eine Titelvignette, bei der der Schweitzer eine recht gute Ansicht von Fort Konstantin und Teile des Reduits der Feste Kaiser Alexander bei Koblenz wiedergab (s. Abb. 11), die in der deutschen Ausgabe nicht existierte. 47 Heinrich Müller Malten, Koblenz und seine Umgebung, für Fremde und Einheimische geschildert. Koblenz 1845, S. 62. Online-Ausgabe: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0128-1-39997 [01.04.2023] 48 Der Festungstourismus auf dem Ehrenbreitstein ist schon für den kurfürstlichen Vorgänger belegt, wovon u.a. Georg Forster (1754–1794) und Johann Wolfgang Goethe (1749–1832) berichteten. An diese Tradition knüpfte man während der Bauzeit der preußischen Festung an. 49 Johann Reiff, Panorama von Koblenz und dessen Umgebung. Koblenz 1821, S. 46. 14 eingangs gezeigten Ölbildes von 1829. Je nach Herkunft, Rang und Stand der Besucher war ein Unteroffizier oder Offizier als Fremdenführer zugegen.50 Die lokale Bevölkerung lebte mit dem Festungsbau und ihrer Garnison. Die Nutzgärten lagen unmittelbar vor dem städtischen Glacis bzw. große landwirtschaftliche Areale im Festungsrayon. 51 Für Bauarbeiten der Fortifikation wurden traditionell die Bewohner der umliegenden Gemeinden herangezogen, dass änderte sich auch im 19. Jahrhundert nicht. Bei größeren Bauarbeiten warb man zudem weiteres Personal aus dem benachbarten Umland an und scheute auch nicht dieses im Ausland52 zu werben. Für Aufgaben des Garnisonsbauwesen griff man auf die lokalen Baubehörden und Handwerksbetriebe zurück.53 Bei den zivilen Arbeitnehmern bedurfte es keiner militärischer Fachkompetenz, um für die Fortifikationsbehörde tätig zu werden. Jedoch erwarben diese sich, während ihre Tätigkeit eine gewisse Sachkenntnis in Bezug auf den Festungsbau, die sie nach Ende der Tätigkeit mitnahmen, wohin auch immer sie ihr Handwerk führte. Abb. 11: Fort Konstantin auf der Karthause bei Koblenz, im Hintergrund Reduit Feste Kaiser Alexander, Zeichnung von Carl Bodmer, aus: Johann August Klein: Coblence (trad. par Jacques Lendroy), Koblenz 1829 50 Genaue Richtlinien finden sich z.B. in Garnison-Bestimmungen für Coblenz-Ehrenbreitstein 1903 (wie Anm. 38). Vgl. Kleber 2016 (wie Anm. 17) und Böckling 2001 (wie Anm. 7). Das Ölbild von Witthoff (1829) zeigt, dass damals der Besuch auch ohne soldatische Begleitung möglich war. 51 Vgl. Klaus T Weber, Rayon – eine Kunstlandschaft. Ein Beitrag zum Vorgelände neuzeitlicher Festungen, in: Leben in und mit Festungen (Festungsforschung 2), Regensburg 2010, S. 126–138. 52 Zum Einsatz der Zivilarbeiter beim Koblenzer Festungsbau s. Weber 2002 (wie Anm. 3), S. 94–102. Erst als die Arbeiten weitgehend beendet waren, kam mit den Instruktionen vom 28. Mai 1828 ein Beschäftigungsverbot für ausländische Arbeitskräfte, vgl. Kleber 2016 (wie Anm. 17), S. 5. 53 Weber 2002 (wie Anm. 3), S. 84–87. 15 Zusammenfassung Wie geheim waren die Festungen im Deutschen Bund? Durch verschiedene Gesetze war man bemüht, die Kenntnisse über die eigenen Fortifikationen zu verhindern bzw. zu erschweren oder zumindest zu reduzieren. Zu vermeiden galt es, den konkreten Festungsbau öffentlich zu vermitteln und Publikationen bzw. Material darüber in Text und Bild in Umlauf zu bringen.54 Dennoch verhielt man sich im militärischen Bereich nicht danach, tauschte sich personell und fachlich darüber aus, zeigte sich gegenseitig Planmaterial, Bauten und den Umgang mit diesen. Diese intensive übernationale Interaktion bei Festungsbauten ist als ein entscheidender Katalysator für die generelle Entwicklung und Normierung der Wehrarchitektur im 19. Jahrhunderts zu interpretieren. Da zu jener Zeit ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Siedlung und Wehrbau bestand, gab es eine gewisse Sachkompetenz in der lokalen Zivilbevölkerung, die auch Saisonarbeiter aus dem Ausland nicht ausschloss. Es gab legale Mittel für ausländische Beobachter an Informationen über eine Landesfestung zu gelangen. Einer Spionagetätigkeit im eigentlichen Sinne bedurfte es da in Friedenszeiten nicht unbedingt. Was nicht bedeutete, dass es nicht zahlreiche Spionagevorfälle gab.55 Gerade das Beispiel Koblenz-Ehrenbreitstein verdeutlicht, dass ein Festungsneubau auch gezeigt und rezipiert werden sollte bzw. es dafür auch eine große Nachfrage gab, die es zu bedienen und zu regulieren galt. Ob dies bei allen Festungen im Bereich des Deutschen Bundes gleichermaßen der Fall war, bleibt zu untersuchen. 54 1898 erfolgte auf Grundlage § 360 Abs. 1 STGB im Deutschen Reich die Beschlagnahmung von Postkarten (u.a. in Ehrenbreitstein, Koblenz, Mainz und Posen), die Festungen und Ihre Teile zeigten. Rheinischer Merkur 04.11.1898. 55 Vgl. u.a. Ulrike Boskamp, Gefährliche Bilder. Reisende Zeichnerinnen und Zeichner unter Spionageverdacht, Berlin, Boston 2022. Nicht jedes Spionageverfahren entsprach gleich einer absichtsvolle Geheimoperation alla Robert Baden-Powell (1857–1941) (Meine Abenteuer als Spion. Leipzig 1915.) oder der Affäre Degouy/Delgey- Malavas (Jürgen W. Schmidt, Spionage in Kiel im Jahre 1893, in: Deutsches Schiffahrtsarchiv 27 (2004), S. 297- 315. Online: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-55819-9 [01.04.2023]), sondern war oft situationsbedingt dilettantisch (z. B. wurde 1893 der deutsche Offizier Walter von Keyserlingk (1869–1946) ertappt, wie er in Zivil in ein englisches Fort auf Malta spazierte. Man hatte ihn dazu abkommandiert, als er mit dem Kreuzer „Seeadler“ im dortigen Hafen lag. Der englische Kommandant zeigte sich nachsichtig und verfolgte die Angelegenheit nicht weiter, s. Das Buch der Keyserlinge. An der Grenze zweier Welten, Berlin 1937, S. 332.) Mitunter bedurfte es einer bestimmten Etikette um nicht als solches angesehen zu werden (1818 unternahm in Folge einer „offene Order“ von Arthur Wellington (1769–1852) der preußische Kriegsminister Hermann von Boyen (1771–1848) mit einigen hochrangigen Stabs- und Ingenieur-Offizieren eine Rundreise zu niederländischen Festungen (Lüttich, Huy, Namur, Charleroy und Mons). Dies war preußischen Offizieren erlaubt, jedoch nicht Ingenieuren, weshalb diese in Zivil mitreisten, s. Ludwig Keibel, „Onkel General“. Aus dem Leben des am 21. Oktober 1835 zu Berlin verstorbenen General-Majors Benjamin Keibel, Berlin 1873, S. 128.). Die Festnahme von Zivilisten hatte oft auch nur den Charakter von Unbedachtsamkeit (1853 wurde z. B. der britische Künstler Richard Leitch (1827–1882) festgenommen als er die Festung Ehrenbreitstein zeichnete, s. Boskamp 2002, S.134.), Ordnungswidrigkeit (1821 erschien z.B. ein Erlass, mit dem der „Unfug“ in den Festungsbaustellen von Koblenz zu übernachten, ein Ende gesetzt wurde, s. Kleber 2016 (wie Anm. 17), S.6.) oder Übermut (1894 wurde der 16jährige Gymnasiast Leonid Schoultz zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt, da er sich als „Freizeitspion in der Thorner Festung“ herumtrieb, s. Schmidt 2004, S. 313, Anm. 45.). 16 In der 2. Jahrhunderthälfte änderte sich die Situation. Die zunehmende Trennung von Festung und Siedlung und die Hinwendung zum getarnten Wehrbau ohne Siedlungsbezug bedeutete auch eine Zunahme des „Geheimnisses“ um die Festung. Die Kenntnisse darum entwickelten sich zu einer „optimalen“ Spionageaufgabe. Parallel dazu wurde das Strafrecht in den die Fortifikation betreffenden Paragrafen immer differenzierter, vom todbringenden Hochverrat bis Geldstrafe bei widerrechtlichem Betreten einer Befestigungsanlage und deren fotographischen Erfassung.56 Abb. 12: Spionage-Skizzen von Befestigungen und ihre Tarnung von Robert Baden-Powel, My adventures as a spy, London 1915, S. 80f, 87. Hinweis zum Zitieren des vorliegenden Aufsatzes: Klaus T. Weber: „Keine Spionage“ – Wie geheim waren Festungen? Überlegungen zum Festungsbau in der Zeit des Deutschen Bundes. (Vortrag gehalten auf der 40. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Festungsforschung am 23. September 2021, Zitadelle Wesel) DOI: http:/ /doi.org/10.25358/openscience-9861 Handle: https :/ /openscience.ub.uni-mainz.de/handle/20.500.12030/9879 56 Klaus T. Weber: Festungen – Spionage – Gesetze. Ein Überblick zum Spionagegesetz in Preußen und im deutschen Kaiserreich in Bezug auf den Festungsbau, in: Festungsforschung, Bd. 15 (Vgl. Anm 1). 17