Lebende Sprachen 2024; 69(1): 58–68 Michael Schreiber* Wie viel Translationstheorie braucht die Historiographie? Zu Hans Vermeers translationshistorischen Studien https://doi.org/10.1515/les-2023-0036 Abstract: Between 1992 and 2000, Hans Vermeer published some comprehensive monographs on the history of translation from the Antiquity to the Renaissance. In these publications, the historiography of translation theory and practice is based on functionalist translation theories, especially Vermeer’s skopos theory. In this paper, I will try to show how the theoretical framework of Vermeer’s analyses influences the evaluation of particular translations and translation theories. In three case studies from different periods, Vermeer’s approach will be compared to other approaches of translation analysis, especially philological and linguistic ones. Schlagwörter: Translationstheorie, Historiographie der Translation, Funktionalis- mus 1 Einleitung Hans Vermeer hat in den Jahren 1992 bis 2000 umfangreiche Studien zur Geschichte der Translation von der Antike bis in die Renaissance vorgelegt. Leider sind diese Publikationen bisher kaum gewürdigt worden, da sich die Vermeer-Rezeption häufig auf die Skopostheorie beschränkt (vgl. Schreiber 2011). In der Einführung zu seinen Skizzen zu einer Geschichte der Translation betont Vermeer, dass er Translationsgeschichte bewusst aus seinem eigenen Standpunkt heraus betreibe: Ich glaube sogar, daß neue Erkenntnisse gewonnen werden können, wenn man den eigenen Standpunkt einbringt. So will ich versuchen, in den folgenden Skizzen vom Standpunkt des ‚translatorischen Handelns‘ aus [...] traditionelle Sichtweisen zu neuen Aspekten weiterzufüh- ren. (Vermeer 1992, Bd. 1:25f.) *Kontaktperson: Michael Schreiber, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, Abteilung Französische und Italienische Sprache und Kultur, An der Hochschule 2, 76711 Germersheim, Deutschland, E-Mail: schreibm@uni-mainz.de Open Access. © 2024 bei den Autorinnen und Autoren, publiziert von De Gruyter. Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz. Translationstheorie und Historiographie 59 Wie Julia Richter zu Recht anmerkt, ist ein solch offener Umgang mit dem eigenen Standpunkt in der Historiographie der Translation keineswegs selbstverständlich: Die Theorie hinter seiner [Vermeers] Translationsgeschichte ist deutlich die Skopostheorie. Sie ist die Schablone über die Ereignisse, die sich um Translation ereignen, die es ihm erlaubt, die Ereignisse zu sortieren und in gewisser Weise zu bewerten. Vermeer ist wohl unter den Translationshistorikern und -historiographen derjenige, der mit seinem „Standpunkt“ am offensten umgeht. (Richter 2020:36) Zum Verhältnis von Translationsgeschichte und Translationstheorie führt Richter weiterhin aus: Ist es möglich[,] eine Translationsgeschichte so zu schreiben, dass die Erforschung historischer Einzelheiten und der Versuch, diese zu typologisieren, zur Theoriebildung der Translations- wissenschaft führen kann? Oder beeinflusst die aktuelle Theorielage der Translationswissen- schaft in Ort und Raum den Blick auf die Translationsgeschichte in so starkem Maße, dass sie zwangsläufig dazu führt, dass die Geschichte zum Beweisstück der Theorie gerät? Beides ist wahr. (Richter 2020:51) Die Aussage „Beides ist wahr“ klingt zunächst wie eine Paradoxie. Richter erläutert dazu Folgendes: Geschichte kann Einblicke bieten, die neue Theorien, Typologien, Kategorien möglich oder notwendig machen. Die Art undWeise, wie wir zu den Erkenntnissen der Geschichte gelangen, sind dabei geprägt von den Vorstellungen, die wir von Geschichtsschreibung haben, aber auch davon, was Translation bedeutet, wie sie funktioniert und auch, was sie bedeuten könnte und wie sie funktionieren und wahrgenommen werden könnte. (Richter 2020:51f.) Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen möchte ich in meinem Beitrag anhand dreier Fallbeispiele die folgenden Fragen diskutieren: Wie wirkt sich Vermeers theoretischer Standpunkt auf seine Beschreibungen und Bewertungen historischer Praktiken und Theorien der Translation aus? Wie unterscheiden sich diese von Beschreibungen und Bewertungen, die von einem anderen Standpunkt aus vorgenommen werden? Dies führt zu einer übergreifenden Fragestellung, die mich auch im Kontext meiner eigenen translationshistorischen Forschungen (z. B. Schreiber 2020) beschäftigt: Wie viel (und welche) Translationstheorie(n) braucht die Historiographie der Translation? 60 Michael Schreiber 2 Cicero In dem ersten Fallbeispiel, das ich ausgewählt habe, möchte ich mich mit Vermeers Behandlung von Ciceros Äußerungen zum Übersetzen und zur Rhetorik befassen. Cicero wird oft zitiert als jemand, der sich angeblich für ein freies, sinngemäßes Übersetzen ausgesprochen habe. Angeführt wird meist das folgende Zitat aus der Schrift De optimo genere oratorum, das ich hier in deutscher Übersetzung wieder- gebe: Ich habe nämlich von den attischen Autoren zwei der bekanntesten Reden der beiden eloquentesten Redner übersetzt, Aischines und Demosthenes, die beide gegeneinander gerich- tet haben; und ich habe sie nicht wie ein Dolmetscher [interpres], sondern wie ein Redner [orator] übersetzt, unter Wahrung des Sinnes und der Wort- und Redefiguren, aber mit Worten, die unserer eigenen Sprache angemessen sind. Dabei habe ich es nicht für nötig gehalten, Wort für Wort wiederzugeben, sondern habe die Art der Wörter insgesamt und ihre Bedeutung beibehalten. (Cicero, zit. nach Albrecht/Plack 2018:35) Cicero beschreibt hier also, wie er selbst mit den Reden zweier griechischer Rhetoren umgegangen sei, nämlich dass er sich bei seiner Übersetzung nach den gängigen Normen der römischen Rhetorik gerichtet habe. Ob man mit fremdspra- chigen Texten generell so verfahren sollte, sagt er nicht, da er im Rahmen der Rhetorik und nicht der Translationstheorie argumentiert (vgl. ebd.). Hierzu führt Dieter Woll (1988) aus: Überspitzt ausgedrückt, wollte er [Cicero] also gar nicht primär übersetzen, wenn man darunter im Normalfall den Versuch versteht, einen Text in einer bestimmten Sprache als solchen dem dieser Sprache nicht Mächtigen zugänglich zu machen. Die Übersetzung war ihm nicht Mittel zu diesem hermeneutischen Dienst am Text, sie war ihmMittel zu einem anderen, didaktischen Zweck, nämlich ein Muster für daran sich orientierende andere Redetexte in lateinischer Sprache zu liefern. [...] Die radikale Beschränkung auf eine sehr spezielle Zielset- zung läßt es von vornherein als dubios erscheinen, die Feststellungen und Postulate, die in diesem Zusammenhang begegnen, als Ausführungen zu einer allgemeinen Theorie der Über- setzung literarischer Texte zu interpretieren. (Woll 1988:346f.) Vermeer dreht nun den Spieß um. In Bezug auf die oben zitierte, geradezu antifunk- tionalistisch formulierte Passage wirft er Woll vor, er hänge „noch zu sehr am traditionellen philologischen Übersetzungsverständnis“ (Vermeer 1992, Bd. 1:221). Vermeer sieht demgegenüber Ciceros Rhetorik insgesamt als Beitrag zur Trans- lationstheorie: „Eine ausführliche Theorie vom ‚translatorischen Handeln‘ findet sich trotzdem – und sozusagen ungewollt – in erstaunlich systematischer Weise in Ciceros Rhetorikanweisungen. Man braucht nur ‚Rede‘ durch ‚translatorisches Handeln‘ zu ersetzen“ (ebd.). Mit Verweis auf Holz-Mänttäri (1984) weitet Vermeer diesen Vergleich aus: Translationstheorie und Historiographie 61 Wenn Cicero also von eloquentia redet, können wir getrost ‚Textproduktionsverfahren‘ über- setzen; der orator ist für uns ein ‚professioneller Textproduzent‘ (oder ‚Texter‘). Oder – um den gemeinten Bereich nochmals abzuwandeln: Wo bei Cicero vom orator die Rede ist, können wir für unsere Zwecke hier (Skopostheorie!) ‚Translator‘ einsetzen. Und analog mit allen übrigen rhetorischen Termini. (Vermeer 1992, Bd. 1:229) (Anmerkungen in Klammern im Original) In Bezug auf die oben zitierte Schrift De optimo genere oratorum betont Vermeer, dass Cicero funktionalistisch vorgegangen sei: Kurz und gut: Cicero sieht bereits deutlich, daß Ziel- und Ausgangstext unterschiedliche Skopoi haben können und für gewöhnlich haben. Auf der einen Seite steht die Gerichtsrede und auf der anderen die Information über die Art und Weise, wie jemand eine Gerichtsrede gehalten hat (Vermeers „Informationsangebot“ [...]), die Meta-Information, für die Zielkultur ein Vorbild zu schaffen [...], und schließlich das ‚delectare‘, die Unterhaltung fürs Publikum [...]. (Vermeer 1992, Bd. 1:229) (Anmerkungen in Klammern vom Vf.) Aus meiner Sicht kann es durchaus anregend sein, die antike Rhetorik und die funktionalistische Translationstheorie gegenüberzustellen. Man wird dabei sicher viele Parallelen feststellen können, auch wenn ich bezweifle, dass man für alle rhetorischen Termini ein translationstheoretisches Pendant finden wird, wie Ver- meer dies suggeriert. In jedem Fall wird man jedoch feststellen können, dass Rhetorik und Translation keine disjunkten Bereiche sind, sondern dass es Über- schneidungen gibt. Was ich an Vermeers Argumentation allerdings problematisch finde, ist, dass er seine Gegenüberstellung nicht als Vergleich formuliert, sondern als Gleichsetzung, z. B. wenn er Rede durch translatorisches Handeln und orator durch Translator „ersetzt“. Dies führt m. E. zu einer Überbetonung der Gemeinsam- keiten und einer Vernachlässigung der Unterschiede zwischen Rhetorik und Trans- lationstheorie. Vor allem fehlt der Hinweis darauf, dass Reden zwar mit einem Sprach- und Kulturtransfer verbunden sein können (z. B. bei der Rezeption der griechischen Rhetorik im alten Rom), dass dies aber nicht immer der Fall ist. 3 Althochdeutsche Übersetzungen Als zweites Beispiel möchte ich die Übersetzungen der althochdeutschen Zeit (8.– 11. Jahrhundert) herausgreifen. Die Ausgangssprache war in den meisten Fällen das Lateinische. Die Übersetzungen waren sehr eng an der Struktur des Ausgangstextes angelehnt. Da vor allem im religiösen Bereich häufig Entsprechungen in der deut- schen Zielsprache fehlten, griffen die Übersetzer oft zu Lehnübersetzungen wie lat. misericors > althochdt. armherzi.1 1 Das b- in neuhochdt. barmherzig stammt von erbarmen (vgl. Kluge 1999:82). 62 Michael Schreiber Der Übersetzungswissenschaftler und germanistische Linguist Werner Koller schreibt zusammenfassend zu den Übersetzungen dieser Epoche: Generell gilt für althochdeutsche Übersetzungen, dass sie [...] durch die Schule des Lateins gehen. Indem sich die althochdeutsche Sprache der Übersetzungen in die ‚Zwangsjacke‘ des Lateins pressen lässt, lernt sie nicht nur christliche und antike Kultur in deutscher Sprache zu bewältigen; sie ist schließlich fähig, das Latein als Fach- und Literatursprache abzulösen. Dieser Prozess kommt erst in neuhochdeutscher Zeit zum Abschluss. Die Geschichte der Über- setzung ins Deutsche spiegelt nicht bloß diese Entwicklung. Übersetzungen sind an ihr als Triebkraft maßgeblich beteiligt. (Koller 2011:56f.) Für Koller ist die Bereicherung der deutschen Sprache also die zentrale Leistung der althochdeutschen Übersetzungen. Bei Vermeer findet sich in Bezug auf das gleiche Thema lediglich der folgende, lapidare Hinweis: „Es ist nicht mein Ziel, den Einfluß von Übersetzungen auf die Entwicklung der deutschen Sprache darzustel- len [...]. Gleichwohl wird dieses Thema hin und wieder zu streifen sein“ (Vermeer 1992, Bd. 2:88). Die Beeinflussung der Zielsprache erscheint bei Vermeer also nur als eine Art Nebenprodukt, das für die Translationsgeschichte von sekundärer Bedeu- tung ist. Vermeer diskutiert zwar im Hinblick auf althochdeutsche Übersetzungen aus dem Lateinischen verschiedene Skopoi, wie z. B. „Missionierung der Bevölke- rung“ oder „Ausbildung werdender Geistlicher im Lateinischen“ (Vermeer 1992, Bd. 2:87). Mögliche sprachliche Ziele der Übersetzungen formuliert Vermeer aber nur unter Vorbehalt: „Auffällig mag sein, daß man im religiös-missionarischen Bereich von Anfang an weithin darauf bedacht war, eine deutsche Terminologie zu schaffen“ (Vermeer 1992, Bd. 2:85). Wie lässt sich diese sehr unterschiedliche Bewertung des gleichen Phänomens bei Koller und Vermeer erklären? Koller argumentiert teleologisch. Die Bereiche- rung und Weiterentwicklung der Zielsprache erscheint bei ihm als übergeordnetes Ziel der Übersetzungen während der althochdeutschen Epoche. Auffällig ist zudem, dass in Kollers Zitat nicht die Übersetzer als Akteure erscheinen, sondern die Über- setzungen und vor allem die deutsche Sprache selbst, die sich „pressen lässt“, „lernt“ und schließlich „fähig ist“. Die starke Betonung der sprachgeschichtlichen Bedeu- tung dürfte auchmit Kollers germanistischem Hintergrund zusammen hängen. Vermeers funktionalistische Argumentation bewegt sich dagegen meist auf der Ebene der Funktion einzelner Übersetzungen. So etwas wie ein kollektiver Skopos scheint ihm suspekt zu sein, insbesondere in Bezug auf die Sprache. Zudem ist bei ihm die Sprache immer der Kultur untergeordnet, daher kann die Weiterentwick- lung der Zielsprache auch immer nur ein sekundäres Ziel sein. Aus meiner Sicht wäre es in einer differenzierten Analyse sinnvoll, deutlicher zwischen der individuellen und der kollektiven Ebene von Übersetzungsfunktionen zu unterscheiden. Die individuelle Ebene wäre Vermeers Skopos. Für die Beschrei- bung kollektiver Funktionen von Übersetzungen in einer bestimmten Kultur könnte Translationstheorie und Historiographie 63 der von Erich Prunč (1997) vorgeschlagene Begriff der „Translationskultur“ hilf- reich sein. 4 Mittelhochdeutsche Übersetzungen Ein ganzer Band von Vermeers „Skizzen“ ist den Übersetzungen ins Mittelhoch- deutsche im 13. und 14. Jahrhundert gewidmet (Vermeer 1996, Bd. 2). Ich möchte hier einen Abschnitt herausgreifen, an dem sich Vermeers Herangehensweise gut illustrieren lässt. In seiner Auseinandersetzung mit der Monographie von Klaus Berg (1964) zu mittelhochdeutschen Prosatexten nach Werken von Thomas von Aquin versucht Vermeer mit Hilfe von Bergs Voruntersuchungen, einige generali- sierbare Beobachtungen zum Skopos bzw. den Skopoi mittelhochdeutscher Über- setzungen scholastischer Literatur aus dem Lateinischen herauszuarbeiten. Zu Beginn seiner Untersuchung beschreibt Berg die Herangehensweise der deutsch- sprachigen Kopisten: „der Schreiber (oder doch sein Auftraggeber) ist Mitverfasser des Textes. Da es ihm in der Regel mehr um Verwertung als um Bewahrung der Vorlage geht, hat er sozusagen legitimes Recht auf Kürzung, Paraphrasierung, sprachliche Umformung“ (Berg 1964:1). Vermeer übersetzt dies folgendermaßen in seine eigene Terminologie und Theorie: So stellt er [Berg] z. B. gleich zu Anfang [...] fest, daß ein Kopist im Mittelalter zum Ko-Autor eines Werkes wird, indem er es bewußt verändert. Dieser Gedanke verstärkt erst recht die Behauptung vom Translator als Ko-Autor und vom Translat als Text ‚eigenen Rechts‘. (Vermeer 1996, Bd. 2:313) In Vermeers Lesart wird also der mittelalterliche Kopist quasi zum Vorbild des Translators im Allgemeinen, was sicherlich nicht der Intention Bergs entspricht. In der weiteren Auseinandersetzung mit Berg (1964) geht es um den Skoposbegriff. Berg warnt vor einer einseitigen Anwendung des Zweckbegriffs auf mittelalterliche Schriften: Da ursprüngliche Absicht der Niederschrift und späterer Gebrauch nicht immer identisch sind, ist der Begriff ‚Zweck‘ zur näheren Bestimmung eines Textes oder einer Handschrift nur unter Vorbehalten verwendbar: er suggeriert die Vorstellung einer gleichsam eingleisigen, ausschließlichen Absicht und widerspricht damit mittelalterlichem Denken, das immer eine Art ‚Tendenz zur Summa‘ hat und eine ursprüngliche Absicht im Vollzug nicht etwa speziali- siert, sondern ausweitet [...]. (Berg 1964:1) Vermeer teilt Bergs Vorbehalte nicht und führt aus: Hier ist zu unterscheiden: Der Translator/Schreiber/Auftraggeber verfolgt schon einen ‚Zweck‘ (Skopos), sei der nun speziell auf eine ganz bestimmte Verwendung des herzustellenden Produkts und für einen genau beschreibbaren Adressaten(kreis) beabsichtigt oder eher gene- 64 Michael Schreiber reller gefaßt. Von diesem Skopos ist die Verwendbarkeit des Produkts für (evtl. andere) Ziele und Adressaten zu unterscheiden. [...] Gerade die von Berg zunächst untersuchten Texte haben ja einen recht genau angebbaren Skopos und Adressatenkreis: Sie zielten auf die Verbreitung scholastischen Lehrguts in der praktischen Arbeit der Seelsorge vor allem der Nonnenklöster und Laienbrüder ab. (Vermeer 1996, Bd. 2:313f.) Einerseits scheint sich hier eine funktionalistische Herangehensweise geradezu anzubieten, da sich die Zieltexte an eine klar definierte Zielgruppe richten. Ande- rerseits zeigt sich aber auch die Problematik einer sehr spezifischen Anwendung des Skoposbegriffs, die einer breiteren Würdigung der Zieltexte entgegenzustehen scheint. 5 Auseinandersetzung mit der Philologie Aus den beiden Bänden zur Übersetzung in Humanismus und Renaissance (vgl. Vermeer 2000) möchte ich zwei Textstellen herausgreifen, die pars pro toto für Vermeers Auseinandersetzung mit der Philologie stehen können. Im ersten, Westeuropa gewidmeten Band unternimmt Vermeer in einem Teil- kapitel, das dem Begriff der imitatio gewidmet ist, einen Vorgriff auf die fran- zösische Übersetzungsgeschichte der frühen Neuzeit, die er als Fortsetzung der Renaissance sieht: „Im übrigen kumulierte die in der Renaissance ansetzende, ziel- kulturelle Eigenheiten berücksichtigende Übersetzungsstrategie vor allem im adap- tiven Übersetzen der französischen belles infidèles des 17. und 18. Jhs.“ (Vermeer 2000, Bd. 1:145). In diesem Zusammenhang kritisiert Vermeer die philologische Sicht auf diese Art der kulturell einbürgernden Übersetzung: Das Schlagwort von den belles infidèles – bei Ménage heißt es übrigens: „belles, mais infidè- les“ – bedeutet aber doch, daß hier wieder einmal der Philologenverstand (der ein Translat verdammen muß, wenn es vom Wortlaut abweicht) mit dem Künstlerverstand (der ein Werk als geglückt empfindet, wenn es als kreativ erkannt wird) im Widerstreit liegt. Das „mais“ der Ménage’schen Formel zeigt diesen Kampf der Theorie gegen die Praxis. (Vermeer 2000, Bd. 1:144) Interessant ist hier, dass Vermeer offenbar Anpassung an die Zielkultur mit Kreati- vität gleichsetzt. Demgegenüber könnte man argumentieren, dass die strikte Be- folgung zielkultureller Normen und Konventionen gerade nicht viel Spielraum für Kreativität lässt – insbesondere in einer Kultur wie der französischen Klassik, in der es sehr dezidierte sprachliche und literarische Normen gab, an denen sich die Übersetzer orientierten.2 2 Zu einer Kritik an translationswissenschaftlichen Kreativitätsbegriffen vgl. Schreiber (2017). Translationstheorie und Historiographie 65 Eine ausführlichere Auseinandersetzung mit dem philologischen Ansatz findet sich in Band 2 von Vermeer (2000), der dem Übersetzen im deutschsprachigen Raum im 15. und 16. Jahrhundert gewidmet ist. Zur Rolle der Philologie bei der Analyse von Übersetzungen schreibt Vermeer: Eigentlich wären zwei Methoden auf das Übersetzen anzuwenden: die Theorie des trans- latorischen Handelns mit ihrem Handlungsrahmen (Holz-Mänttäri 1984) und die philologische Mikroskopie, die sich allerdings mitunter nur mühsam artikulieren kann und in der konträre Meinungen auf Grund oft nur unklar erkennbarer Fakten und Konjekturen vorgetragen werden. (Vermeer 2000, Bd. 2:491) Konkret bezieht sich Vermeer hier bei seiner Kritik auf eine Untersuchung von Hans-Gert Roloff (1970) zu einem deutschen Ritterroman des Thüring von Ringoltin- gen (Melusine) auf der Basis einer französischen Vorlage. Hier ein Zitat aus Roloffs Studie mit den von Vermeer hinzugefügten Fußnoten und Einfügungen im Text (Fragezeichen): So wird für uns der bearbeitende Text3 zu einem wichtigen Instrument, um feine, fast nur mikroskopisch feststellbare Reaktionen einer Zeit auf die Vorlage zu erkennen. Das Original4 in seiner Zeitlosigkeit [?] wird zu einem festen [?] Richtpunkt für die Bestimmung des historischen Zeitgehaltes der Bearbeitung.5 Dies gilt in besonderem Maße, wenn [...] sich die fließende Grenze zwischen philologischer6 Übersetzung und Nach-Dichtung so weit verschiebt, daß sich der Übersetzer nicht in den Dienst des Originals stellt,7 sondern ein selbständiges Werk8 entstehen läßt. (Roloff 1970:29; zit. nach Vermeer 2000:491, alle Anmerkungen und Einfügungen ebd.) Anschließend erläutert Vermeer nochmals seine eigene Position: Ein Urteil über Thürings Verfahren mag sich jeder selbst bilden [...] und sich die ihm adäquat erscheinende Terminologie dazu aussuchen. Ich werde auch in diesem Band zur Überset- zungshistorie nicht in Konkurrenz mit den Philologen treten. Ich verweise auf wichtige Literatur. Roloffs minutiöse Untersuchung der Melusine ist eine dankenswerte Leistung. Die 3 „Offenbar ist der Zieltext als Bearbeitung eines Ausgangstextes gemeint.“ 4 „Hier wäre eine Unterscheidung in Ausgangstext als Original und als Vorlage für eine Über- setzung hilfreich. [...]. Bei Sekundärübersetzungen ist der diesbezügliche Ausgangstext kaum als Original zu bezeichnen.“ 5 „Gemeint sind wohl inhaltliche und formale Abweichungen des Ziel- vomAusgangstext.“ 6 „Philologische Übersetzung bedeutet hier wahrscheinlichmöglichst wörtliche Übersetzung.“ 7 „Also möglichst wörtlich übersetzt. Dies scheint die philologische Definition von Übersetzung zu sein. Von der Funktion und Adressatenadäquatheit des Zieltextes wird noch nicht gesprochen. Soll sich ein Übersetzer in den Dienst eines Ausgangstextes stellen? Gemeint ist wohl eher, er solle möglichst wörtlich übersetzen.“ 8 „Ab wann definiert der Philologe Selbständigkeit? Gemeint ist die ‚freie‘ Übersetzung – ein vager Begriff.“ 66 Michael Schreiber Wertungen des Autors kann man beiseite lassen. [...] Mir ging es hier nur allgemein um die solchen Betrachtungen zugrunde liegenden Prämissen. (Vermeer 2000, Bd. 2:494) Aus meiner Sicht zeigt sich hier deutlich Vermeers ambivalentes Verhältnis zur Philologie: Einerseits lehnt er den philologischen Übersetzungsbegriff als zu eng ab. Andererseits muss er aber in seinem Werk oft auf philologische Voruntersuchun- gen zurückgreifen, da er im Rahmen seiner „Skizzen“ nur in eingeschränktem Umfang eigene Analysen von Primärtexten vornimmt und translationswissen- schaftlich basierte Voruntersuchungen bisher nicht in ausreichendem Maß vor- liegen. 6 Schlussbemerkungen Abschließend komme ich zu den zu Beginn gestellten Fragen zurück und versuche, diese zu einer skizzenhaften Beantwortung zusammenzuführen: 1. Wie wirkt sich Vermeers theoretischer Standpunkt auf seine Beschreibungen und Bewertungen historischer Praktiken und Theorien der Translation aus? Wie un- terscheiden sich diese von Beschreibungen und Bewertungen, die von einem ande- ren Standpunkt aus vorgenommen werden? Wie wir sehen konnten, beschreibt und bewertet Vermeer konsequent aus funktionalistischer Sicht. Dies führt dazu, dass Fragen zu Funktion und Zielgruppe der analysierten Übersetzungen eine zentrale Stellung zukommt. Linguistische Aspekte spielen dagegen nur eine sehr untergeordnete Rolle, da Sprache im Funk- tionalismus der Kultur untergeordnet ist. Für konkrete Textanalysen greift Vermeer meist auf die Sekundärliteratur zurück. Bei den Bewertungen von Übersetzungen ist Vermeer zurückhaltend, d. h. er nimmt einen deskriptiven Standpunkt ein. Ver- meers kritische Bewertungen gelten oft nicht den Übersetzungen selbst, sondern deren philologischen Voruntersuchungen, da er den darin vertretenen Überset- zungsbegriff als zu eng ansieht. 2. Wie viel (und welche) Translationstheorie braucht die Historiographie der Trans- lation? Jede translationshistorische Untersuchung benötigt eine theoretische und me- thodologische Basis, auch wenn diese nicht immer expliziert wird. Legt man konsequent eine einzige Theorie zu Grunde, wie dies Vermeer tut, kann es sein, dass manche Aspekte überbetont werden und andere unberücksichtigt bleiben. Aus meiner Sicht benötigt man für eine umfassende historische Analyse mindes- tens zwei Theoriekomponenten: eine makrostrukturelle und eine mikrostrukturel- Translationstheorie und Historiographie 67 le. Für die makrostrukturelle Ebene ist der Funktionalismus eine unter mehreren Möglichkeiten. Für die mikrostrukturelle Ebene greift eine primär makrostruktu- relle Theorie wie die Skopostheorie zu kurz. Zu kurz greift aber auch ein rein philologischer Ansatz, wenn dieser von einem starren, nicht reflektierten Über- setzungsbegriff ausgeht. Nachholbedarf sehe ich daher insbesondere für eine translationswissenschaftlich basierte, mikrostrukturelle Analyse sowie für eine integrative Makrotheorie, die die verschiedenen theoretisch-methodischen „Modu- le“ zusammenführen könnte. Einige anregende Hinweise hierzu liefert inzwischen die Monographie Translation and history von Theo Hermans, die im Kapitel „Questions of Scale“ historiographische Ansätze verschiedener Ebenen zusammen- bringt, von „microhistories“ bis zu „big data“ (vgl. Hermans 2022:53ff.). Hermans‘ eigenes translationshistorisches Modell, das er „Translation as Intervention“ nennt, umfasst ebenfalls zwei Ebenen: „Reading translations as interventions means paying attention not just to the translated discourse but to its frame as well” (Hermans 2022:127). Literaturverzeichnis Albrecht, Jörn/Plack, Iris (2018): Europäische Übersetzungsgeschichte. Tübingen. Narr. Berg, Klaus (1964): Der Tugenden Bůch. Untersuchungen zu mittelhochdeutschen Prosatexten nach Werken von Thomas von Aquin. München: Beck. Hermans, Theo (2022): Translation and history. London u. a.: Routledge. Holz-Mänttäri, Justa (1984): Translatorisches Handeln. Helsinki: Suomalainen Tiedeakatemia. Kluge, Friedrich (1999): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 23., erweiterte Auflage. Bearbeitet von Elmar Seebold. Berlin u. a.: De Gruyter. Koller, Werner (2011): Einführung in die Übersetzungswissenschaft. 8., neubearbeitete Auflage. Tübingen u. a.: Francke. Prunč, Erich (1997): Translationskultur. TextconText 11, 99–127. Richter, Julia (2020): Translationshistoriographie. Perspektiven und Methoden. Wien u. a.: New Academic Press. Roloff, Hans-Gert (1970): Stilstudien zur Prosa des 15. Jahrhunderts. Die Melusine des Thüring von Ringoltin- gen. Köln: Böhlau. Schreiber, Michael (2011): Von Kassenschlagern und Ladenhütern: Selektive Rezeption in der Trans- lationswissenschaft. In: Schmitt, Peter A./Herold, Susann/Weilandt, Annette (Hg.): Translationsfor- schung. Tagungsberichte der LICTRA IX. Frankfurt am Main: Lang, 739–747. Schreiber, Michael (2017): Kreativität in Translation und Translationswissenschaft: Zwei Fallbeispiele und ein Vorschlag. In: Cercel, Larisa/Agnetta, Marco/Amido Lozano, María Teresa (Hg.): Kreativität und Hermeneutik in der Translation. Tübingen: Narr, 349–358. Schreiber, Michael (2020): Legal transfer and translation. The translation of legal and administrative texts in Flanders and Northern Italy during the French Revolution and the Napoleonic period. In: Gonne, Maud/Merrigan, Klaartje/Meylaerts, Reine/van Gerwen, Heleen (Hg.): Transfer thinking in translation studies. Leuven: Leuven University Press, 157–180. 68 Michael Schreiber Vermeer, Hans J. (1992): Skizzen zu einer Geschichte der Translation. Frankfurt: IKO (2 Bde.). Vermeer, Hans J. (1996): Das Übersetzen im Mittelalter. Heidelberg: TcT (3 Bde.). Vermeer, Hans J. (2000): Das Übersetzen in Renaissance und Humanismus. Heidelberg: TcT (2 Bde.). Woll, Dieter (1988): Übersetzungstheorie bei Cicero? In: Albrecht, Jörn/Thun, Harald/Lüdtke, Jens (Hg.): Energeia und Ergon. Tübingen: Narr, Bd. 3, 341–350.